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Die Phantasie wird hier geknetet

Kinder, Künstler, Animationsfilmer und Produktdesigner – sie alle arbeiten mit Knetmasse. Die attraktive Ausstellung «Plot in Plastilin» im Gewerbemuseum Winterthur gibt Einblick in die Vielfalt dieses gekneteten Universums.
Andreas Stock
Eine Berliner Bar, die fast ganz in Plastilin «eingekleidet» ist: «Café Deutschland International» von Henrik Jacob prägt den Ausstellungsraum. (Bild: Vanessa Püntener)

Eine Berliner Bar, die fast ganz in Plastilin «eingekleidet» ist: «Café Deutschland International» von Henrik Jacob prägt den Ausstellungsraum. (Bild: Vanessa Püntener)

Sie hat einen eigenen Geruch, diese Ausstellung im zweiten Stock des Gewerbemuseums Winterthur. Ein Duft, der wohl vor allem an Kindergarten und Spielzimmer erinnert. Zwei Orte, an denen die mit Farbpigmenten ergänzte, bunte Knetmasse aus Wasser, Öl, Salz und Stärke besonders beliebt ist. Aber auch in Trickfilmstudios, Künstlerateliers und in den Labors von Produktdesignern, wie bei Autohersteller BMW, kommt Plastilin zum Einsatz. Die kompakte Ausstellung «Plot in Plastilin» (mit einer Fussnote im angrenzenden Materialarchiv) zeigt die Vielfalt und Geschichte des Knetgummis auf und versteht sich auch als eine Hommage an dieses Material, wie Susanna Kumschick, stellvertretende Leiterin des Gewerbemuseums, sagt. In rund 40 Werken wird die Wandelbarkeit und ästhetische Ausdruckskraft von Plastilin dokumentiert, das 1880 vom Münchner Apotheker Franz Kolb erfunden wurde.

Pingu und Werkplatz für Kinder

Die Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern in thematischen Zonen geordnet. Und wer mit Kindern kommt, wird diese vor allem im hinteren Teil begeistern können. Hier sind einerseits Ausschnitte aus berühmten Plastilinfilmen wie «Shaun das Schaf», «Wallace & Gromit» sowie dem Schweizer Exportschlager «Pingu» zu sehen; aus der Pinguin-Serie gibt es zwei Originalfiguren zu bewundern.

Bei Kindern besonders beliebt dürfte zudem die Möglichkeit sein, sich aus zwei (noch) grossen, farbigen Plastilinwürfeln ein wenig abzukratzen, um selbst etwas zu kneten. Falls der Andrang nicht zu gross ist, lässt sich damit auf dem eingerichteten Werkplatz ein eigenes Stop-Motion-Filmchen drehen. Das Museum bietet zudem im Rahmenprogramm für Jugendliche und Erwachsene einen Workshop mit Trickfilmer Adrian Flückiger an. Und in einer Ecke wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern ein Tisch eingerichtet, der veranschaulicht, wie ein Stop-Motion-Animationsfilm realisiert wird.

Arbeiten aus 60 Jahren

Den Animationsfilmen gehört freilich ein grosser Teil der Ausstellung. Neben den erwähnten Filmen für Kinder sind zahlreiche Beispiele an Stop-Motion-Arbeiten aus den letzten 60 Jahren vertreten. Darunter der eher abstrakte «Gumbasia» von 1955 von Art Clokey, einem Pionier der Knetanimation, über «Rosso e Blu» des Italieners Lanfranco Baldi bis hin zu «Bill & Tony» des Australiers Nick Donkin; diese zwei roten Knetfiguren haben sich aus einer populären Coca-Cola-Werbung zu eigenständigen Serienfiguren entwickelt.

Aus Australien stammt auch Adam Elliot, dessen Meisterwerk «Mary & Max» im Rahmen einer Filmreihe im Kino Cameo zu sehen sein wird. In der Ausstellung ist Elliot mit seinem wunderbaren Kurzfilmvorgänger «Harvie Krumpet» zu sehen.

«Sledgehammer» & Co.

Auf den zahlreichen Monitoren laufen zumeist drei- bis zehnminütige Ausschnitte aus den Filmen ab. Beispielsweise aus «Baby Snakes» von 1979, den der Musiker Frank Zappa zusammen mit Animationsfilmer Bruce Bickford realisiert hat. Ein fast dreistündiger experimenteller Film, der Konzertauftritt mit Animationen verbindet und zugleich ein Making-of des Films selbst ist. Vertreten sind auch einige der bekanntesten Musikvideos, darunter die vom britischen Aardman-Studio realisierten Clips zu «My Baby Just Cares For Me» von Nina Simone oder «Sledgehammer» von Peter Gabriel.

Ein Musikfilm-Kunstwerk anderer Art ist mit «Hasta los Heusos» des Mexikaners René Castillo zu entdecken, das in einer Bar im Reich der Toten spielt und aufwendig verschiedene Stop-Motion-Techniken kombiniert.

Eine sehr eigene Erzählweise weisen die russischen und osteuropäischen Animationen auf: Seien es die surrealen, metaphorischen Arbeiten des Tschechen Jan Švankmajer oder auch die Arbeiten der polnischen Animationsfilmerin Izabela Plucinska, wie «7 More Minutes».

Der Unterschied zum Computer

Alle diese Filme führen aber vor Augen, was den besonderen Reiz der Plastilin-Animation ausmacht, die trotz der vorherrschenden Computeranimation immer wieder genutzt wird. Der in Berlin lebende Schweizer Künstler Bertold Stallmach, der mit beiden Methoden arbeitet, erklärt die Vorteile des Plastilins so: «Ich kann damit viel spontaner arbeiten. Bei der Animation am Computer muss ich im voraus viel genauer planen, was ich machen will.» Zudem kommt die haptische, sinnliche Ebene dazu: die Modelle und Figuren direkt mit den Fingern gestalten zu können. Stallmachs Kunstfilm «Der Rattenkönig» wird zusammen mit einem seiner vier Hausmodelle präsentiert.

Plastilinkunst aus zehn Jahren

So hervorragend sich das mühelos formbare und weiche Plastilin zur Darstellung von Bewegung und Metamorphosen eignet – die Knete weckt ebenso als flächiges oder skulpturales Medium die Kreativität von Künstlerinnen und Künstlern. Gerade weil Plastilinkunst in Museen kaum zu finden ist, gibt dieser Teil der Ausstellung mit Arbeiten aus den letzten zehn Jahren einen beeindruckenden Einblick in dessen Möglichkeiten.

Am augenfälligsten ist die Installation «Café Deutschland International» von Henrik Jacob. Ein Nachbau einer Berliner Bartheke, in der alles aus Knetmasse besteht, respektive vor allem mit schwarzer und weisser Knete überarbeitet wurde. Der Künstler nutzt Plastilin wie Farbe, wobei ein Bildpixel jeweils etwa einem daumengrossen Knetpunkt entspricht. Alle Flaschen, die Dekoration an der Wand oder ein Aschenbecher sind aus oder mit Plastilin gestaltet. Angefangen hatte Henrik Jacob damit, Bilder aus Zeitungen und eigene Fotografien zu überkneten. Ein grossformatiges Schwarzweissporträt eines Bodybuilders hängt in der Ausstellung.

Auch der St. Galler Beni Bischof ist vertreten: mit drei Plattencovers, die er mit Plastilin dreidimensional erweitert hat – nebenbei eine witzige Ergänzung der Vinyl-Ausstellung im Fotomuseum Winterthur.

Nochmals anders sind die Plastilinarbeiten der beiden Schweizer Una Szeemann und Bodhan Stehlik. Sie kombinieren Plastilinobjekte und Fotografie miteinander. In der Serie «Dark Movies» stellen sie Szenen aus der Filmgeschichte nach. Die 15 Schwarzweissbilder laden zu einem Filmquiz ein. Wer erkennt beispielsweise «Das Boot», «Doktor Schiwago» oder «The Shining» in diesen augenzwinkernden Hommagen?

Bis 18. September, Gewerbemuseum Winterthur, Di bis So, 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr www.gewerbemuseum.ch

Aus dem Animationsfilm «Liebling» der Polin Izabela Plucinska. (Bild: pd/Izabela Plucinska)

Aus dem Animationsfilm «Liebling» der Polin Izabela Plucinska. (Bild: pd/Izabela Plucinska)

WINTERTHUR 05.03.2016 - Gewerbemuseum Winterthur, Vernissage, Plot in Plastilin, Photo by Vanessa Püntener (Bild: Vanessa Püntener (www.vanessapuentener.ch))

WINTERTHUR 05.03.2016 - Gewerbemuseum Winterthur, Vernissage, Plot in Plastilin, Photo by Vanessa Püntener (Bild: Vanessa Püntener (www.vanessapuentener.ch))

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