Theater Basel
«Die perfekte Verknüpfung von Musik und Libretto»

Calixto Bieito inszeniert Verdis «Otello». Was die Theater bei jeder Otello-Produktion aber vor ein grosses Problem stellt, ist, die Titelpartie gut zu besetzen.

Christian Fluri
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Proben zu Verdis «Otello» mit Kristian Benedikt als Otello und Simon Neal als Jago; hinten links ist Karl-Heinz Brandt als Rodrigo.

Proben zu Verdis «Otello» mit Kristian Benedikt als Otello und Simon Neal als Jago; hinten links ist Karl-Heinz Brandt als Rodrigo.

«Die Oper ist dramaturgisch perfekt gebaut, Musik und Libretto sind ineinander verknüpft», sagt Regisseur Calixto Bieito über Giuseppe Verdis «Otello», seine zweitletzte Oper und eine seiner allerbesten. Das hat nicht allein mit Verdis genialer Musik zu tun, sondern auch mit dem sehr dichten, perfekt konstruierten Libretto, das Arrigo Boito nach Shakespeares Stück verfasst hat. Erst der grandiose Text Boitos veranlasst Verdi, mit 70 Jahren doch noch eine Oper zu komponieren – es folgte dann noch eine: «Falstaff».

Calixto Bieito, der «Otello» auf der Grossen Bühne des Theaters Basel inszeniert (am Samstag ist Premiere), lobt in unserem Gespräch wie psychologisch differenziert und genau die Charaktere mit all ihren Abgründen gezeichnet sind. Verdis sehr emotionale Musik gebe der im Menschsein eingeschriebenen Brutalität erschütternden Ausdruck. Bieito vergleicht Verdis Spätwerk in seiner Unerbittlichkeit und Dichte mit Alban Bergs «Wozzeck».

Was die Theater bei jeder Otello-Produktion vor ein grosses Problem stellt, ist, die Titelpartie gut zu besetzen. Sie ist für einen Tenor mit baritonalen Tiefen geschrieben und stellt an den Sänger höchste Ansprüche. Das Theater Basel hat in Kristian Benedikt einen Sänger gefunden, der die Anforderungen erfüllt und Otello bereits an grossen und mittleren Häusern gesungen hat. So konnte das Haus Bieito, seinem Artist in Residence, den lang gehegten Wunsch erfüllen. Die Tragödie, die die dunkelsten Abgründe menschlichen Seins beleuchtet, ist auf den spanischen Regisseur und seine radikalen Lesarten von Stücken zugeschnitten.

Emigranten-Tragödie

Für Bieito ist die Oper «Otello», die auf Zypern spielt, ein Drama über den Süden Europas, «das heute hochaktuell ist». Es handle von einer Gesellschaft die keine Mittelschicht kenne, sondern nur eine reiche Oberschicht und die Armen. Gedanken an das Flüchtlingsdrama, das sich im Mittelmeer, auf Lampedusa, Sizilien und den anderen «Toren« zu Europas Süden abspielt. Die Flüchtlinge, die die Überfahrt von Nordafrika nach Europa schaffen, bilden gleichsam die allerunterste Schicht der Armen. Der Hafen von Zypern, wo das Stück seinen Anfang nimmt, ist für Bieito eine Metapher: Es ist der Ort, wo Menschen kommen und gehen, wo kein wirkliches Zuhause ist und auch «keine politische Ratio» herrscht. Der Sturm, mit dem «Otello» beginnt, tose ebenso draussen auf dem Meer wie in den Menschen selbst, fügt Bieito an.

Das starke Auseinanderdriften der sozialen Schichten und in den meisten Gesellschaften sowie der Kulturen sei höchst explosiv, weiss Bieito, der seine Erfahrungen auch aus dem lange schon in die Krise gestürzten Spanien mitbringt. Da entsteht eine Welt des Neides, der Missgunst, der Korruption und der Unterdrückung.

Erfolg und Krankheit

Otello, der Mohr, ist bei ihm kein Schwarzer. Das wäre eine zu platte Charakterzeichnung. Er ist nordafrikanischer Emigrant, der den Aufstieg zum venezianischen Flottengeneral und damit in die Oberschicht geschafft hat. «Er ist der Boss der Monster, der Soldaten», merkt Bieito an. Weiteres Zeichen des Aufstiegs ist seine Heirat mit der weissen, edlen Desdemona.

Bieito sieht Otello als einen Mann, der unter starken Ängsten und Zwängen leidet. «Sein Erfolg und der Ausbruch der psychischen Krankheit bedingen sich», folgert Bieito. Otello fürchte um die schwer erkämpfte hohe Position, ist voller Misstrauen und befallen von krankhafter Eifersucht. «Man ist Sklave seiner selbst oder der von jemandem anderem», sagt Bieito. Die selbstzerstörerischen Kräfte in ihm brechen aus. Dass er Desdemona aus Eifersucht brutal ermordet, ist auch ein Akt der Selbstzerstörung.

Jago, der Feind Otellos, der Zyniker, der an nichts glaubt, schon gar nicht an ein Leben nach dem Tod, verkörpert die Idee des Todes. Er ist gescheit, eloquent und stellt sich selbst ausserhalb einer jeden Regel. Für ihn sind die Kategorien von Gut und Böse inexistent. Jago hasst alle und alles. So charakterisiert ihn Bieito in unserem Gespräch.

Cassio, der von Jago als Instrument der Intrige missbraucht wird, ist laut Bieito der junge ambitiöse Aufsteiger. «Er liebt das Spiel, ist oberflächlich und korrumpierbar, nimmt Drogen. Er ist ein sehr moderner Charakter, eine Art Leonardo DiCaprio.»

Von der alltäglichen Gewalt

Otellos Gemahlin Desdemona bezeichnet Bieito als eine gute, anmutige Frau. «Sie steht in dieser Gesellschaft mitten im Sturm, weiss jedoch nicht, was um sie herum passiert.» Sie liebt Otello ist seiner Gewalt zugleich wehrlos ausgesetzt, versteht sie nicht. «Sie ist verloren, stürzt vom Himmel in die Hölle.»

Bieito zeiht wieder den Vergleich zu unserer heutigen Gesellschaft, zur Welt von heute – nicht nur zu Südeuropa. Frauen seien einer alltäglichen Gewalt ihrer Männer ausgesetzt. In Spanien, in Italien, in vielen anderen Ländern höre man fast jeden Tag davon, dass irgendwo eine Frau von ihrem eifersüchtigen Mann oder Liebhaber umgebracht werde. «In Spanien gibt es eine Telefonnummer, die Frauen, die der Gewalt ihres Mannes ausgesetzt sind, anrufen können.» Sie sei eine der meist genutzten Nummern, erzählt Bieito. «Die alltägliche Gewalt ist auch ein soziales Problem – fast überall in Europa.»

Die Aktualität von Verdis «Otello», dieses grandiosen, tragischen Meisterwerks, das 1887 in Mailand uraufgeführt worden ist, ergibt sich von selbst.

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