Interview

«Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger»: Warum es so schwierig ist, in Coronazeiten Theater zu machen

Stephanie Gräve, Intendantin des Landestheaters Bregenz, hat trotz Proben- und Spielverbot ihren neuen Spielplan für die nächste Saison vorgestellt. Sie will die grossen Fragen der gesellschaftlichen Ungleichheit auf die Bühne bringen. Es sei «fast schon unheimlich, wie sehr diese Themen auf die aktuelle Zeit passen».

Julia Nehmiz
Drucken
Teilen
«Hollenstein, ein Heimatbild» erlebte kurz vor dem Lockdown seine Uraufführung am Landestheater Bregenz. Gespielt wird das Stück über die Vorarlberger Malerin und NSDAP-Funktionärin Stephanie Hollenstein wohl erst wieder im Herbst.

«Hollenstein, ein Heimatbild» erlebte kurz vor dem Lockdown seine Uraufführung am Landestheater Bregenz. Gespielt wird das Stück über die Vorarlberger Malerin und NSDAP-Funktionärin Stephanie Hollenstein wohl erst wieder im Herbst.

Bild: Anja Köhler

Noch bevor Österreich die Lockerungen für Kulturbetriebe in Aussicht stellte, veröffentlichte die Intendantin des Vorarlberger Landestheaters Bregenz, Stephanie Gräve, den neuen Spielplan für die kommende Spielzeit. Ein Gespräch über Unwägbarkeiten, mögliche Sparpläne und wie man trotz Spielverbot Kontakt zum Publikum hält.

Ab Ende Mai dürfen Sie wieder Theaterspielen. Freuen Sie sich?

Stephanie Gräve: Und wie! Wir dürfen nun tatsächlich ab 29. Mai wieder spielen, im Grossen Haus, vor 100 Leuten anstatt vor 498. Mit den grossen Wiederaufnahmen warten wir deswegen bis Herbst. Im Juni starten wir mit einem kleinem Programm mit drei Stücken aus der kleinen Spielstätte Box und unseren Hausmusik-Abenden.

Schon bevor die Lockerungen für Theater bekannt wurden, stellten Sie auf Youtube Ihren neuen Spielplan vor. Mussten Sie ihn wegen Corona umstellen?

Wir wollen am 4. September mit einem Konzert und unserem Bürger*innenchor die Spielzeit eröffnen. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass wir im August mit 30 Chorleuten proben können, habe aber die Hoffnung, dass es in kleineren Gruppen möglich ist. Und: Wenn wir nicht daran glauben, wieder zu spielen, wer sonst?

Stephanie Gräve, Intendantin Vorarlberger Landestheater Bregenz.

Stephanie Gräve, Intendantin Vorarlberger Landestheater Bregenz.

Bild: Anja Koehler

Aber es könnte ja noch zu Einschränkungen kommen.

Ich habe den Spielplan mit meinem Team so gestaltet, wie wir ihn richtig für diese Zeit finden. Je nach Strenge der Auflagen passen wir die Inszenierungen an – oder verändern sogar den Spielplan. Ich möchte aber nicht ins Blaue hinein die Pläne abspecken oder verschiedene Varianten erarbeiten. Niemand weiss, was Ende August sein wird. Und falls es dann heisst, dass wir beim «Woyzeck» immer einen Meter Abstand halten müssen, dann machen wir das.

Neben «Woyzeck» wollen Sie «Schlafes Bruder» oder «Von Mäusen und Menschen» spielen. Nichts zur Coronapandemie?

Unser Spielplan war im März bereits fertig. Als die Pandemie ausbrach, haben wir ihn nicht verändert. Wir haben das natürlich diskutiert. Ich weiss nicht, wie man die Pandemie theatral thematisiert. Anfangs dachten viele, mit Camus’ «Pest» oder Decamerone bekommen wir sie zu fassen. Aber: Die Zeit der Ausgangsbeschränkungen, war das wirklich unser Problem? Die Frage ist doch, wie geht unsere kapitalistische Gesellschaft mit der Pandemie um? Wer wird gerettet? Welchen Einfluss hat Geld? Das sind Themen, die in all unseren Stücken verhandelt werden. Die Ungleichheit, die Schere zwischen reich und arm, die weiter aufklafft – es ist fast schon unheimlich, wie sehr diese Themen auf die aktuelle Zeit passen. Die Pandemie wirkt sich diesbezüglich wie ein Brandbeschleuniger aus.

Meinen Sie, dass sich die Menschen wieder ins Theater setzen möchten?

Ich glaube, es gibt eine grosse Sehnsucht danach, Theater real anzuschauen. Ich denke, viele wollen sich auf andere Art und Weise mit der Gegenwart auseinandersetzen. Aber sicher weiss ich es nicht.

Der in Vergessenheit geratene österreichische Kinderbuchklassiker «Vevi» wurde als 2019 Weihnachtsmärchen aufgeführt. Während des Lockdowns las das Ensemble den Roman online als Fortsetzungs-Hörgeschichte vor.

Der in Vergessenheit geratene österreichische Kinderbuchklassiker «Vevi» wurde als 2019 Weihnachtsmärchen aufgeführt. Während des Lockdowns las das Ensemble den Roman online als Fortsetzungs-Hörgeschichte vor.

Bild: Anja Köhler

Wie kommt Ihr Haus denn finanziell durch die Krise?

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landestheaters sind seit April in Kurzarbeit, das rettet uns. Von Land und Stadt wird es keine Unterstützung geben, um Einnahmeverluste auszugleichen.

Müssen Sie ein Sparpaket fürchten?

Da gibt es noch keinen definitiven Entscheid. Natürlich wollen wir solidarisch sein. Ich verstehe, dass in einer Situation der Not jeder etwas beitragen muss. Aber: Als kleinstes Landestheater Österreichs sind unsere Budgets so minim, wenn wir sparen müssen, dann trifft es immer Menschen. Ein Beispiel: Wenn ich bei allen Bühnenbildern im Grossen Haus den Etat um zehn Prozent kürze, spare ich in der gesamten Spielzeit 5000 Euro. Sparen kann ich nur, indem ich auf Gastkünstler verzichte.

Mit Ihrem Ensemble starten Sie jetzt «Zeit zu reden»: Man kann sich mit einem Schauspieler 20 Minuten auf einer Parkbank treffen. Wie sind die Rückmeldungen?

Sämtliche Slots für den ersten Samstag waren in kurzer Zeit ausgebucht. Unsere Schauspielerinnen und Schauspieler, mit Mundschutz ausgestattet, begrüssen den Zuschauer mit einem Gedicht. Doch dann ist alles offen. Wir wollen lebendige Begegnung ermöglichen. Auch das kann Theater.