Die Operndichter hatten es selten leicht

Sie schreiben die Textbücher zu den Opern und haben meist wenig zu lachen: Die Librettisten geraten im Lauf der Zeit immer stärker ins Hintertreffen. Denn schon mit Mozart beginnen sich die Komponisten zu emanzipieren, Richard Wagner ist dann sein eigener Librettist.

Rolf App
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Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss im Scherenschnitt.

Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss im Scherenschnitt.

Giuseppe Verdis Anspruch ist klar: «Leidenschaft! Leidenschaft! Ganz egal welche, nur Leidenschaft!». So formuliert er es in einem Brief an Francesco Maria Piave, dem er 1843 begegnet, und der ihm nicht weniger als neun Libretti liefern wird. Der Venezianer ist nicht nur ein begabter Verfasser solcher Textbücher. Er ist auch sehr folgsam. Er bietet Verdi die Gelegenheit, seine eigenen Worte und Vorstellungen einzubringen.

Verdi schreibt mit

So wird es bleiben: Verdi nimmt detailliert Einfluss auf die Textbücher zu seinen Opern, häufig schreibt er den Handlungsverlauf bis ins Detail vor. Er nutzt dabei seine wachsende Popularität: Während in der anderen Musikhochburg Paris Komponist und Librettist einer neuen Oper vom jeweiligen Theater engagiert werden, geht in Verdis Italien der Auftrag allein an den Komponisten – und der wählt sich einen Textdichter aus.

Sein eigener Textdichter

Damit haben sich die Verhältnisse aus den Anfängen der Oper schon fast in ihr Gegenteil verkehrt. Fehlt nur noch der letzte Schritt, den Richard Wagner dann tut: Er wird zu seinem eigenen Textdichter, Text und Musik kommen aus einer Hand.

Die Rollen verändern sich, was aber gleich bleibt: Kaum ein Librettist kann vom Ertrag seiner Arbeit leben. Ein Beispiel: In den Zwanziger- und Dreissigerjahren des 19.Jahrhunderts verfasst Felice Romani im Schnitt vier Libretti pro Jahr, die mit je 850 Lire vergütet werden. Macht 3400 Lire Jahreseinkommen. Als Chefredaktor der «Gazzetta piemontese» wird er 9180 Lire verdienen.

Der Abstieg vollzieht sich in Raten. In den Anfängen sind Librettisten angestellte Hofdichter und zwar finanziell gesichert, aber auch stark von der Gunst der Fürsten abhängig.

Wenige nur geniessen Ansehen, einzig Pietro Metastasio bringt es im 18.Jahrhundert am Wiener Hof zu einigem Ruhm. Seine Libretti verfolgen ein sehr präzises Ziel: Sie wollen den Sinn für Gerechtigkeit und Ehrlichkeit stärken und die herrschende Ordnung bejahen.

Mozart begegnet Da Ponte

1762 setzt mit «Orfeo ed Euridice» von Christoph Willibald Gluck eine Opernreform ein, die sowohl die Musik wie die Libretti betrifft. Sie bereitet den Boden für Lorenzo da Ponte, der zwischen 1784 und 1790 als Theaterdichter Kaiser Josephs II. in Wien sechzehn Libretti verfasst, darunter drei für Wolfgang Amadeus Mozart. Der hat genaue Vorstellungen, die er in einem Brief festhält: «Bey einer opera muss schlechterdings die Poesie der Musick gehorsame Tochter sein.» Und, möchte man beifügen, der Librettist hat der gehorsame Diener des Komponisten zu sein.

Weit ist es von da nicht bis zu Giuseppe Verdi. Und bis zu Richard Strauss, der ein ganz eigenes Kapitel in der Geschichte der Textdichtung eröffnet. Noch bei der «Salome» greift er 1905 auf ein Stück von Oscar Wilde zurück, dann aber lernt er den Dichter Hugo von Hofmannsthal kennen. Vieles trennt die beiden. Hofmannsthal ist empfindsamer Aristokrat, Strauss kann sehr direkt und verletzend sein.

Fruchtbar trotz Differenzen

Auf der andern Seite aber finden die zwei zu einer kreativen Zusammenarbeit über mehr als zwei Jahrzehnte. Als Hofmannsthal überraschend stirbt, ist Strauss tief erschüttert. Dass sie sich im Grunde nicht verstehen, ändert an der Fruchtbarkeit ihrer Beziehung nichts. Mehrmals versucht Hofmannsthal Strauss den gedanklichen Gehalt seiner Texte nahezubringen. Der aber ist im Grunde nur an dramatischen Situationen und Charakteren interessiert.