Die Online Art-Basel hilft dem Kunstmarkt, aber ist wie Hausaufgaben

Ausgerechnet zum 50. Geburtstag fällt die Art Basel aus. 93 000 Leute wie 2019 dürfen sich nicht drängeln. Die Onlineausgabe ist ein trockener Ersatz – nicht nur, weil das Cüpli fehlt.

Sabine Altorfer
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Ob die Tränen auf der Startseite symbolisch gemeint sind? Fotoarbeit (38 000 $) von Anne Collier bei Anton Kern Gallery.

Ob die Tränen auf der Startseite symbolisch gemeint sind? Fotoarbeit
(38 000 $) von Anne Collier bei Anton Kern Gallery.

Bild: Screenshot

Wenn dieser Artikel erscheint, sind die ersten Millionen an der Art Basel schon geflossen. Ich würde zum Beispiel gerne mit dem Kauf einer dieser grossartigen Malereien, diese Feier der Farbe, von Katharina Grosse dazu beitragen. Doch ich war zu wenig schnell. Sowohl in der Galerie Nächst Stephan aus Wien wie beim internationalen Grosskonzern Gagosian hiess es «sold».

Noch zu haben war das noch interessantere, aus dreieckigen Malflächen geschichtete Werk von Grosse bei der Berliner In-Galerie König (228000 Dollar). Den Button «Sales-Inquiry», um den Kauf einzuleiten, drückte ich doch nicht. Schliesslich bin ich keine reiche Sammlerin, aber seit Jahren eine gwundrige Besucherin der Art Basel.

Die Arbeit von Katharina Grosse bei der Galerie König. Sie war für 228'000 Dollar zu haben.

Die Arbeit von Katharina Grosse bei der Galerie König. Sie war für 228'000 Dollar zu haben.

Screenshot

Eigentlich ist alles da. Ausser dem Kribbeln

Die Ansage der Art Basel ist 2020 grossartig wie eh und je: 282 führende Galerien aus fünf Kontinenten nehmen an der wichtigsten Kunstmesse der Welt teil. Man ist stolz in Basel, Wörter wie «exciting», «exceptional» und «High Quality» beherrschen die Begrüssung aus Basel. Doch sitzt Art-Basel-Direktor Marc Spiegler während des Begrüssungsempfangs wirklich in Basel? Die Messehalle mit der grossen Uhr könnte er ja überall auf der Welt in seine Zoombegrüssung einblenden.

Die Begrüssungszeremonie für die VIPs. Ob Art Basel Direktor (unten rechts) in Basel sass oder die Messe nur als Hintergrund benutzte?

Die Begrüssungszeremonie für die VIPs. Ob Art Basel Direktor (unten rechts) in Basel sass oder die Messe nur als Hintergrund benutzte?

Screenshot

Aber eigentlich spielt das gar keine Rolle. Denn die Galeristen, Künstlerinnen und die Besucherin sind ja auch nicht in Basel. Alleine hockt jeder irgendwo vor seinen Geräten. Punkt 13 Uhr am Mittwoch beginnt die Art Basel – zumindest für die VIP. So loggt man sich ein – und spürt weder VIP-Atmosphäre noch Messefeeling. Nein, das liegt nicht daran, dass ich vor dem Start kein Cüpli im Rundhof geschlürft habe. Aber ich spüre im «Home-Arting» kein Kribbeln, nicht das Jagdfieber der Sammlerinnen und Bilderjäger, bei denen man sich en passant über die Modetrends informieren konnte.

Geballte Ladung Kunst

Aber es geht doch um Kunst! Ja, die bekommt man in gewohnt geballter Ladung, aber eben nicht dicht gedrängt und bunt gemischt in den Kojen, sondern separiert präsentiert – per Klick von Galerie zu Galerie und darin von Werk zu Werk. «Jeder Klick ist eine Entdeckung», werden die US-Sammler Ariel und Daphne Bentata zitiert – im Artikel «How to buy art online», den die Messe neben vielen anderen Artikeln und Video-Talks aufgeschaltet hat. Stimmt. Aber jeder Klick kann auch eine Überforderung sein. Wie soll ich 4000 Bilder durchklicken, wie einen Gesamteindruck bekommen? Kommt dazu, dass die Präsentation der meisten Werke genau gleich aussieht: Man blickt in einen leeren Raum, grauer Boden, weisse Wand, darauf wechselt dann virtuell das Bild.

Online Kaufen geht neu auch bei Millionenwerken

Doch hinter fast jedem Werk versteckt sich meist Weiteres: Information über die Künstlerin, Detailaufnahmen oder ein Video, das mich eine Skulptur umschreiten lässt oder in dem die Künstlerin oder der Galerist erklärt. Bei Johann König über Katharina Grosse wirkt das so gekonnt improvisiert und enthusiastisch, dass man am liebsten doch zuschlagen würde.

Die Art Basel ist eine Messe, also geht es hier um Handel. Um den Kunstmarkt, der durch den weltweiten Corona-Lockdown brutal gestoppt wurde. 20 bis 40 Prozent ihres Umsatzes erzielen Galerien an Messen. Das fehlt.

Unter zehn Prozent lag der Onlineanteil im letzten Jahr

Die Online-Art-Basel bietet also eine willkommene globale Plattform, um wenigstens etwas Umsatz zu generieren, die Löcher zu stopfen. Die Hürde online zu kaufen, hat sich in den Wochen des Entzuges zudem verringert. Unter zehn Prozent lag der Onlineanteil im letzten Jahr – gekauft wurde zudem eher günstigere Ware.

Doch höret die Signale! Der Artikel war noch nicht fertiggeschrieben, als Hauser & Wirth, einer der globalen Player aus Zürich schon meldet, zwanzig Werke seien verkauft. Auch das grossformatige Gemälde «The Press of Democracy» von Mark Bradford für fünf Millionen Dollar.

Wurde in den ersten Stunden verkauft: «The Press of Democracy» von Mark Bradford für fünf Millionen Dollar bei Hauser & Wirth:

Wurde in den ersten Stunden verkauft: «The Press of Democracy» von Mark Bradford für fünf Millionen Dollar bei Hauser & Wirth:

Bei den Preisen bietet die Onlinemesse einen grossen Vorteil: Man kann die Galerien nach Preisen filtern. Bei 23 der Galerien gibt es explizit Werke unter 10000 Dollar. Ebenso im Sektor der jungen «Statements». Das Objekt «Stay home (incense powder): Found Object» von Shreyas Karle kostet bei Grey Noise 500 Dollar.

Das Kostet nur 500 Dollar: «Stay home (incense powder): Found Object» von Shreyas Karle bei Grey Noise.

Das Kostet nur 500 Dollar: «Stay home (incense powder): Found Object» von Shreyas Karle bei Grey Noise.

Screenshot
Schweizer Kunst für unter 10 000 Franken:Die Skulptur "Dowjones" von Andrea Wolfensberg bei Gisèle Linder.

Schweizer Kunst für unter 10 000 Franken:Die Skulptur "Dowjones" von Andrea Wolfensberg bei Gisèle Linder.

Screenshot

Bezahlbare Kunst bieten die meisten Schweizer Galerien. Wer sich bei Stampa, Bartha, Linder oder Krupp, bei Karma, Verna, Pia, Mai 36 oder Kilchenmann umsieht, wird fündig. Und man könnte in Basel oder Zürich gar real vorbeigehen.

Art Basel online only

Von Freitag, 19.6., 13 Uhr, bis Freitag, 26.6., ist die Art Basel digital zu erleben (artbasel.com/ovr). 282 Galerien aus fünf Kontinenten präsentieren über 4000 Kunstwerke in vier Sektoren. Dazu gibt es Gespräche, virtuelle Rundgänge, angeboten von der Art Basel und einzelnen Galerien. In 32 Berliner Galerien hat die Art einen analogen Ableger. Gut 20 Schweizer Galerien finden sich auf dem Art-Portal, sie – und alle anderen hiesigen Kunst-Anbieter – kann man übrigens real besuchen. Abgesagt sind im Juni alle Nebenmessen in Basel.Ob die Liste, die junge Messe, im September stattfindet, ist noch offen. (sa)