Die Ohrfeige des Schriftstellers

Lukas Bärfuss, der mit seinem Roman «Koala» den Schweizer Buchpreis gewann und mit «Hundert Tage» einen der besten zeitgenössischen politischen Romane geschrieben hat, wird natürlich immer wieder gebeten, sich zu aktuellen Themen zu äussern.

Valeria Heintges
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Lukas Bärfuss, der mit seinem Roman «Koala» den Schweizer Buchpreis gewann und mit «Hundert Tage» einen der besten zeitgenössischen politischen Romane geschrieben hat, wird natürlich immer wieder gebeten, sich zu aktuellen Themen zu äussern.

Bärfuss' geballte Wucht

Der Band «Stil und Moral» vereint 24 Texte, die allesamt bereits veröffentlicht, oder Reden, die schon gehalten wurden. In ihrer geballten Wucht zeigen sie den in Zürich lebenden Schriftsteller mit seiner ganzen Sprachmächtigkeit und seinem feinen Sensorium.

Sie erklären auch – im ersten und spannendsten Teil des Buches – warum Bärfuss ein wenig schief liegt in der Schweizer Literaturlandschaft. Der aufschlussreichste Text ist «Der Feuerofen», veröffentlicht im Sammelband «Das Gymnasium im Land der Berufslehre». Bärfuss beschreibt darin seinen Weg zur Kunst und der war – gelinde gesagt – ungewöhnlich. Es scheint fast, als sei die Literatur, die Bildung in Thun, wo Bärfuss aufwuchs, vorbeigesegelt wie ein Ufo. Der junge Bärfuss verweigert sich beidem, wo er nur kann. «Das Leben und die Zumutungen waren von Anfang an da, Verrat war da, Lüge, Eigensucht, Faulheit, auch Freundschaft und Zuversicht, manchmal», schreibt er. «Es war Ernstfall, die ganze Zeit.»

Aufgewachsen unter schwierigen familiären Umständen, sieht Bärfuss, wie die anderen Jugendlichen seiner (schlechten) Schule auch, keine Zukunft – und daher keinen Grund, sich um eine Ausbildung zu kümmern. «Ich war ein unausstehliches Miststück, ohne elterliche Kontrolle, verwildert, aufsässig und allergisch gegen jede Autorität.» Chancen lässt er verstreichen oder wehrt sich vehement dagegen.

Es ist ein starker Verweigerungswille, der ihn treibt. Und der ihn einen Weg gehen lässt, der ihn, so möchte man spekulieren, bis heute von dem üblichen Primarschule-Matura-Studium-Weg vieler Schriftstellerkollegen unterscheidet.

Lukas Bärfuss hat jedenfalls keine Angst, unkonventionelle Meinungen zu vertreten. Aber weil er so genau wie unerbittlich reflektiert über die Welt und sich selbst darin, ist es eine Freude, ihm lesend auf ungewöhnliche Pfade zu folgen.

Wer hat die Schweiz kolonisiert?

Sie führen über die Frage: «Wer hat die Schweiz kolonisiert» und die Abneigung gegen Huldrych Zwingli im zweiten Teil zu speziellen literaturwissenschaftlichen Texten, etwa über Tschechow, Robert Walser, Shakespeare, Dürrenmatt oder Kleist. Sie bringen ihn im dritten Teil auf einen zwielichtigen Schriftstellerkongress in Abu Dhabi und in die Tiefen der Schweizer Verfassung. Am Ende haut Bärfuss sein Buch den Lesern – sprichwörtlich, aber schmerzhaft – um die Ohren. Das Lesen und auch das Verfassen literarischer Essays sei unmoralisch. «Und deshalb gehe ich mit gutem Beispiel voran und höre hier nun auf.»