DIE NIXON-JAHRE: Ein Präsident dreht durch

Er hat Krieg in Vietnam geführt, seine Gegner bespitzeln und bei ihnen einbrechen lassen. In den Ermittlungen gegen das Trump-Team taucht Richard Nixons Watergate als nationale Erfahrung wieder auf.

Rolf App
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Ein Schauspieler war Richard Nixon auch. Hier verabschiedet er sich nach schmachvollem Rücktritt von seinen Mitarbeitern. (Bild: AP (Washington, 9. August 1974))

Ein Schauspieler war Richard Nixon auch. Hier verabschiedet er sich nach schmachvollem Rücktritt von seinen Mitarbeitern. (Bild: AP (Washington, 9. August 1974))

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@tagblatt.ch

In einem seiner letzten Interviews kurz vor seinem Tod im Jahr 1994 hat Richard Nixon auf seine Weise zu erklären versucht, was zwanzig Jahre zuvor zu seinem erzwungenen Rücktritt geführt hat. «Wissen Sie, 1972 war ein ganz grosses Jahr. Wir sind nach China gegangen. Wir sind nach Russland gegangen. Und dann war da noch so eine Kleinigkeit, die wir unglaublich vermasselt haben», erzählt er. Und fügt hinzu: «Ich würde allen raten, die mir ins Präsidentenamt folgen: Erledigen Sie die grossen Dinge, so gut Sie können, aber wenn Kleinigkeiten auftauchen, kümmern Sie sich darum, und zwar schnell, räumen Sie sie aus dem Weg. Wenn Sie das versäumen, wird ein Riesending daraus, das Sie womöglich zerstört.»

Angefangen hat das Schlamassel auch im Fall Nixon mit Auslandkontakten. In der Schlussphase seines Wahlkampfs will der Republikaner Nixon die Bemühungen des demokratischen Amtsinhabers Lyndon Johnson torpedieren, den Krieg in Vietnam über Verhandlungen zu beenden. Also bringt er die südvietnamesischen Verbündeten dazu, in den weit fortgeschrittenen Friedensgesprächen zu mauern. Weil sie abgehört werden, erfährt Johnson davon, kann aber so knapp vor der Wahl nichts unternehmen. «Das ist Landesverrat», sagt er zum gerade eben knapp Gewählten. Denn: «Sie nehmen mitten in einem Krieg mit einer ausländischen Macht Verbindung auf.»

Überall wittert Nixon Verschwörungen

Nixon kümmern solche Vorwürfe wenig. Er hat es geschafft – und er weiss, dass er viele, viele Feinde hat. Und einen Übernamen, den er in seiner Präsidentschaft immer wieder bestätigen wird: Tricky Dick. Doch die Macht des Präsidenten kann er jetzt nutzen. Er sieht reichlich Bedarf. Geradezu paranoid wittert er überall Verschwörungen. Die wachsende Zahl von Demonstranten gegen den Vietnamkrieg vor seinem Weissen Haus betrachtet er als Terroristen, die Journalisten hasst er aus tiefstem Herzen, und zum demokratisch dominierten Kongress entwickelt er ein immer feindlicheres Verhältnis. Über dessen Führer lässt er fleissig belastendes Material sammeln. Wenige nur wissen davon, Nixon schart einen kleinen Kreis von Vertrauten um sich, manche mit zwielichtigem Hintergrund.

Den «Klempnern», wie diese skrupellose Eingreiftruppe genannt wird, sind viele Mittel recht, legale und illegale. Einer dieser «Klempner», Tom Charles Huston, erinnert ihn schriftlich daran, dass viele der geplanten Abhör- und Überwachungsaktionen gegen geltendes Recht verstiessen. Der Präsident widerspricht, indem er sich auf das sogenannte Exekutivprivileg beruft, einen ungeschriebenen und niemals klar umrissenen Verfassungsgrundsatz, der ihm eine besondere Stellung verleihe – und illegale Aktionen legalisiere. In entlarvender Offenheit beschreibt Nixons Rechtsbeistand die Rolle des Präsidenten so: «Der Präsident möchte, dass ich argumentiere, er sei ein ebenso mächtiger Monarch wie Ludwig XIV., nur jeweils auf vier Jahre begrenzt.»

Der Kongress allerdings beginnt diesem selbst ernannten Monarchen immer genauer auf die Finger zu schauen. Vor allem im Fall Vietnam. Angetreten mit dem Versprechen, den ruinösen Krieg rasch zu einem Ende zu bringen, will Nixon Nordvietnam mit Waffengewalt zum Einlenken zwingen. Zusammen mit Sicherheitsberater Henry Kissinger, seinem Mastermind in aussenpolitischen Dingen, weitet er den Krieg nach Kambodscha und Laos aus. Als der Kongress ihm dies verbietet, lässt Nixon Einsatzberichte fälschen.

«Das amerikanische Volk, das sind Trottel»

Eine im Geheimen angebahnte Entspannungspolitik gegenüber China und der Sowjetunion soll den Druck auf das kommunistische Nordvietnam erhöhen, verfehlt aber dieses Ziel. Immer härter werden die amerikanischen Luftschläge. Zuletzt lässt Nixon die nordvietnamesische Hauptstadt Hanoi bombardieren und fragt seinen Sicherheitsberater, ob man nicht auch die Deiche im Delta des Roten Flusses zerstören könnte. «Rund 200 000 Menschen werden ertrinken», antwortet Kissinger. «Eine Atombombe wäre mir lieber», antwortet der Präsident. «Ist die einsatzbereit?»

Während in Washington Zehntausende, manchmal sogar Hunderttausende demonstrieren, wandert der Präsident ruhe- und schlaflos im Weissen Haus umher und betrinkt sich. Er hat allen Grund: Am 17. Juni 1972, wenige Monate vor seiner triumphalen Wiederwahl, brechen die «Klempner» ins Hauptquartier der Demokraten im Watergate-Gebäude ein, werden in flagranti erwischt und vor Gericht gestellt. Die Spur führt ins Weisse Haus. Dort hat der Hausherr seine Gespräche aufzeichnen lassen – über 3700 Stunden Tonbänder dokumentieren seine Paranoia, seine Mitwisserschaft und seine Verachtung für das Volk. «Das amerikanische Volk, das sind Trottel», sagt er.

Stück um Stück enthüllen die Medien, allen voran die «Washington Post», den Skandal. Ihr Informant sitzt weit oben im FBI, Nixon weiss, wer es ist. Aber er kann nichts machen. Dem FBI ist nicht einmal der Präsident gewachsen. Zuletzt zwingt ihn der Supreme Court, die Tonbänder herauszurücken. Es ist das Ende.

Tim Weiner: Ein Mann gegen die Welt. Aufstieg und Fall des Richard Nixon, S. Fischer 2016

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