Die neunte Kunst treibt Blüten

Vier Kunstschaffende beweisen in der Ausstellung «Aufblühende Attacken!» im St. Galler Nextex, dass sich an den Schnittstellen zwischen Comic, Kunst und Wort anregende Geschichten erzählen lassen, die Lust machen auf mehr.

Christina Genova
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ST. GALLEN. Die Grenzen des Reiches aus Tusche sind durchlässig. Das will die St. Gallerin Lika Nüssli zeigen, die sich mit ihren Arbeiten selbst zwischen Illustration, Comic, Wort und Kunst bewegt. In der von ihr im Ausstellungsraum Nextex kuratierten Schau «Aufblühende Attacken!» zeigt sie vier Verwandte im Geiste, Grenzgänger wie sie. Die Ausstellung ist im Zusammenhang mit den 8. St. Galler Literaturtagen «Wortlaut» entstanden, zu deren Programmgruppe Lika Nüssli gehört. Comics und Graphic Novels sind dort seit jeher Bestandteil des Programms, nun gehört erstmals auch eine Ausstellung dazu.

Die Hügel leben

Einer, der ausgedehnte Wanderungen ins Reich der Tusche unternommen hat und immer noch unternimmt, ist Kai Pfeiffer. Der 41jährige Hamburger, der mehrere Comicreportagen publiziert hat, arbeitete von 2002 bis 2012 an einem Werkzyklus mit dem Titel «Realm/Das Reich». Eine Serie daraus ist im Nextex zu sehen. «Die Hügel leben» schreibt Kai Pfeffer neben eine Zeichnung, die eine Landschaft mit einer Felsformation zeigt. Oder ist es die Rückenansicht eines Menschen? Sie lässt an antike Mythen denken – an Atlas, der zu einem Berg versteinert, oder Lichas, der in einen Felsen mit menschlicher Gestalt verwandelt wird. Auf anderen Zeichnungen entdeckt man schwitzende Steine, schwebende Gehirne oder sich auftürmende Zellhaufen. Es sind Landschaften zwischen Traum und Albtraum, zwischen real und surreal.

Das Mortadella-Sandwich-Hotel

Seltsame Orte erkundet auch die jüngste Ausstellende, Hannah Raschle, die sich am wenigsten im Grenzgebiet zwischen den Disziplinen bewegt. Die 27-Jährige zeigt ihre drei Arbeiten im Newcomerforum. Sie sind alle in Rom entstanden, wo die Künstlerin als Stipendiatin im Atelier des Kantons St. Gallen weilte.

Den schlauchartigen Raum hat Hannah Raschle mit einer Tapete ausgekleidet. Darauf abgebildet sind allerhand verrückte Hotelrezeptionen, die leider etwas klein gedruckt sind. Es sind Eingangsportale zu surrealen Welten, mit denen Hannah Raschle ihre Fabulierlust als Zeichnerin demonstriert. Da gibt es die wie ein belegtes Brötchen geformte Rezeption des «Mortadella-Sandwich-Hotels» oder jene des «The Bloated Dog Kids Hotels», die über eine halsbrecherische Rutschbahn verfügt. Ein kleiner Comic erzählt die Geschichte von Polly, der Katze, und Lou, dem Hasen. Die dritte Arbeit besteht aus Covers von erfundenen Zeitschriften mit Titeln wie «Loosing the Drive» oder «Der einsame Cowboy oder der wilde Wasserfall».

Dreidimensionaler Comic

Julia Marti hat ebenfalls ein Faible für Comics und zeigt, wie weit dieser Bereich gefasst werden kann. Die Mitherausgeberin des Comicmagazins «Strapazin» entwickelte einen dreidimensionalen Comic. Dafür schnitt sie eine verstörende Traumsequenz aus farbigem Papier und pinnte sie mit Nadeln auf MDF-Platten. Auch Tuschezeichnungen aus der Serie «. . . vor der Menschen Wort» sind zu sehen. Sie beschäftigt sich mit der Grenze zwischen Bild und Wort. So verwandelt Julia Marti den Buchstaben «V» in vier Schritten in einen Vogel. Die Zürcherin arbeitet auch als Illustratorin für das neue Naturmuseum in St. Gallen.

Mit weissen Handschuhen

Gar nicht im Comicbereich verortet sich hingegen die Trogner Zeichnerin Vanja Hutter. Auf einem Tablar präsentiert sie 27 Briefe, die mit weissen Handschuhen zu öffnen sind: «Dadurch wird man in einen empfänglichen Zustand versetzt», sagt die Künstlerin. Die Briefe sind an ganz bestimmte Adressaten gerichtet: «An den Ausgeglichenen», «An die Gerissene» oder «An die Schützende». Wer sich davon angesprochen fühlt und den Brief öffnet, findet eine kleine Überraschung in Form von Worten, einer Zeichnung oder einer Kombination davon: «Ich möchte damit einen Impuls geben zu einer eigenen Geschichte», sagt Vanja Hutter.

Die Ausstellung im Nextex zeigt auf, dass sich Attacken auf die Grenzzäune zwischen Comic, Kunst und Wort lohnen, denn offensichtlich entstehen dadurch neue fruchtbare Gebiete mit prallen Knospen und vielfältigen Blüten. Es ist eine Schau, die Lust macht auf mehr, auf weitere Erkundungen der Grenzgebiete der neunten Kunst, die in der Ostschweiz viel zu selten eine Plattform bekommt.

Heute, 19 Uhr, Comics und Drinks. Do, 31.3., 19 Uhr, Gespräch mit den Ausstellenden und Anette Gehrig, Kuratorin Cartoonmuseum Basel. Beide Veranstaltungen finden im Nextex am Blumenbergplatz 3, 1. Stock, statt.