Die nächste Sintflut kommt bestimmt: Das Figurentheater St. Gallen spielt "An der Arche um Acht"

Seit Jahren ist das Stück von Ulrich Hub bei Gross und Klein ein Garant für gute Laune - obwohl es ständig Gretchenfragen stellt. Am Samstag hatte die Koproduktion des Figurentheaters St. Gallen mit dem Kollektiv EOBOFF Premiere im Rahmen des Festivals Jungspund.

Bettina Kugler
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Aller guten Dinge sind meistens drei. Allerdings nicht, wenn es darum geht, eines der begehrten Zweiertickets für die Arche Noah zu ergattern. Mag es auch wirklich ein grosses Schiff sein, so ist der Platz doch begrenzt. Pro Spezies nimmt der Alte jeweils ein Paar mit, und für Pinguine macht er keine Ausnahme. Basta! So steht es schon in der Bibel, und so ist es auch im Stück und im Kinderbuch von Ulrich Hub.

"An der Arche um Acht" erzählt die bekannte Geschichte aus Pinguinperspektive nach. Gerade noch pünktlich treffen sie ein, zwei lustige watschelnde Glückspilze, die von der Taube ein Billett bekommen haben. Den dritten im Bunde, der noch nichts ahnt von seinem Glück, schleppen sie in einer grossen Kiste mit an Bord. Freund bleibt Freund, und Freunde halten zusammen!

Pinguine sind auch nur Menschen

Es ist der einzige Moment in einer höchst geist- und temporeichen Stunde, in dem Gott und die kritische Zuschauerin ein Auge zudrücken und wohlwollend glauben müssen, dass die mit der Organisation und Durchführung der Rettungsaktion betraute Taube sich so leicht übertölpeln lässt. Ansonsten wird messerscharf argumentiert und philosophiert auf der Eisscholle und der Arche, wie sie Andreas Bächli für den Weltuntergang im Figurentheater erschaffen hat.

Premiere hatte "An der Arche um Acht" unter der Regie von Dominique Enz am Wochenende im Rahmen des Festivals Jungspund. Dort kann die Produktion unter den besten des Landes gut mithalten - es besteht kein Grund, anschliessend den Scham-O-Mat, die Erinnerungsdeponie für Verfehlungen, in der Lokremise aufzusuchen.

Man möchte Lukas Bollhalder schon knuddeln, bevor er überhaupt einen Ton von sich gegeben hat. Wenn er noch kein Pinguin ist, sondern mutterseelenallein, in weissem Hemd und mit seriöser Brille, am Pult steht, gerade so, als wolle er gleich eine Rede halten. Zum Glück macht er nur eisigen Wind, der über die weisse Wüste der Antarktis hinwegpfeift.

Die ganze Schöpfung brüllt und quakt

Auch später, als die drei ziemlich menschlichen Pinguine, gespielt von Frauke Jacobi, Lukas Bollhalder und Sebastian Ryser, bereits an Bord sind, wird der Sound vor allem dort kreiert. In Loops, die mal spürbar die Raumtemperatur absenken, mal den Wasserpegel ansteigen lassen. Oder die dafür sorgen, dass sukzessive die ganze Arche-Belegschaft lautstark durcheinanderquakt, zwitschert und und brüllt. Sage keiner, ein Pinguin gleiche dem anderen: die Figuren von Johannes Eisele beweisen das Gegenteil, und die Spieler machen sie zu ausgeprägten Persönlichkeiten.

Zudem wird inbrünstig geträllert und abgerockt. Wer hätte gedacht, dass Pinguine so begnadete Sänger sind? Stefan Suntinger jedenfalls weiss es und hat ihnen die passende Musik auf den Leib geschrieben. Da schläft kein Mitreisender seelenruhig durch, auf der Arche nach Acht.

Glaubenssätze auf dem Prüfstand

Sicher, das Stück macht es drei einigermassen versierten Spielern leicht, Zuschauer ab etwa sechs Jahren (aber auch jüngere) schon in den ersten Minuten zum Kichern und Grübeln zu bringen - auf eine direkte, zugleich hintersinnige Art. Zu spüren ist jedoch, dass die Zusammenarbeit zwischen Figurentheater St. Gallen und dem jungen Künstlerkollektiv EOBOFF schon eine Weile besteht. Leicht und treffsicher fliegen die Dialogbälle hin und her. Ständig fühlt man sich als Erwachsener ertappt: bei den eigenen Glaubenssätzen und in den Anwandlungen leisen Zweifels.

In Zeiten der drohenden Klimakatastrophe hat "An der Arche um Acht" noch mehr Brisanz gewonnen. Wie gern würde man glauben, Gott habe nur einfach ein wenig überreagiert und wolle noch einmal von vorn beginnen, mit der Elite der jetzigen Erdbelegschaft. In der Inszenierung von Dominique Enz überwiegt der Witz - unschuldig aber und aus der Zeit gefallen ist er nicht. Das merken auch die kleinsten Zuschauer. Und überlassen die Weltrettung hoffentlich nicht nur dem lieben Gott.

Nächste Vorstellungen: 11., 14., 15. März, 14.30 Uhr, Figurentheater St. Gallen

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