Kunst
Die mutige Madame Merian

Keine andere Merian erlebte so viele Abenteuer wie Maria Sibylla. Wer war diese aussergewöhnliche Frau?

Naomi Gregoris
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Maria Sibylla Merian

Maria Sibylla Merian

bz Basel

So ein Bild hatte man noch nie gesehen: Eine Frau und ihre kaum 20-jährige Tochter stehen an der Küste der Nordseeinsel Texel und warten auf ein Handelsschiff, das sie nach Südamerika bringt, in die holländische Kolonie Surinam. Am 23. Juni 1699 soll es losgehen. Elf Wochen auf See, inmitten von Rindern, Schafen, Hühnern und Dutzenden von Männern, die während dieser Zeit kein einziges Mal ihr Gewand wechseln. Nicht zu vergessen die engen Kajüten! Das miefige Unterdeck! Ungeziefer, wo das Auge hinreicht!

Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie Maria Sibylla Merian auf solche Sorgen reagierte: abgeklärtes Grinsen. Ein paar Wanzen an Deck? Grossartig, die können gleich als erste in die Gläser!

Die Naturforscherin und Tochter des Basler Verlegers Matthäus Merian war sich weit Ekligeres gewohnt. Mit 25 wollte sie drei Lerchen rupfen, liess sie aber zu lange liegen, und als sie sich die Vögel vornahm, «waren siebzehn dicke Maden an ihnen.» Jede andere Hausfrau hätte die Vögel sofort entsorgt, Frau Merian aber bewahrte die Tierchen auf und beobachtete, dass sie sich in «gantz braune Eyer» verwandelten. Nach 15 Tagen «kamen so viele schöne grüne und blawe Fliegen herauss, welch ich grosse Mühe hatte zu fangen, dieweil sie so hurtig waren, ich bekame nur 5 davon.» Die unglücklichen Fünf spiess sie mit einer spitzen, über dem Feuer erhitzten Nadel auf und legte sie zu ihren Untersuchungsgegenständen – Dutzende von Schachteln mit Raupen aller Art, bunten Schmetterlingen, weichen Kokons und aufgespiessten Insektenkörpern.

Wie war es dazu gekommen, dass eine Frau aus gutem Hause plötzlich Insekten aufspiesste? Und sich später auf eine Reise ans andere Ende der Welt machte, ohne Mann und ohne Wissen, was sie in der holländischen Kolonie erwartet?

Ein ungewöhnliches Projekt

Um die Abenteuer der Maria Sibylla Merian zu verstehen, muss man bei ihrem ersten anfangen. Merian ist dreizehn Jahre alt und hat gerade das Projekt ihres jungen Lebens begonnen: Die Beobachtung einer kleinen Seidenraupe, die sie in einer mit Luftlöchern versehenen Spanschachtel aufbewahrt. So oft sie kann, lüpft Maria Sybilla den Deckel, notiert, was sie sieht und verfolgt die Entwicklung von Raupe zum Schmetterling. Als die Verwandlung vollzogen ist, will das Mädchen mehr erfahren. Es fängt an, andere Raupen ins Haus zu holen, füttert und beobachtet sie. Parallel dazu zeichnet sie die einzelnen Stadien ab, das kann sie gut, ihr Stiefvater, der Künstler Jacob Marrel hat sie früh gefördert (ihr Vater, Matthäus Merian, Angehöriger der Merian-Familie in Basel, ist da schon lange tot, er stirbt, als Maria Sibylla drei Jahre alt ist).

Sie nimmt ihren einzigartigen Zeitvertrieb ernst, auch nach ihrer Heirat mit dem Künstler Andreas Graff 1664. Vier Jahre später kommt ihre erste Tochter auf die Welt, und die kleine Familie zieht nach Nürnberg. Dort gründet Maria Sibylla die «Jungfern-Compagnie», eine Schule für Töchter aus gutbürgerlichem Hause, die sie im Malen, Zeichnen und Sticken unterrichtet. Bei den jungen Edelfrauen ist Frau Graff beliebt, sie öffnen ihr die Tore zu prächtigen Gärten, wo sie in robustem Leinenrock nach Raupen sucht.

Die nächsten Jahre verlaufen turbulent. Maria Sibylla bringt zwei Bücher heraus, eins davon über ihre geliebten Raupen. 1685 zieht sie ins niederländische Friesland– ohne ihren Ehemann, dafür mit den mittlerweile zwei Töchtern und ihrer Mutter. Hier schliesst sie sich der Sekte der Labadisten an, zu der auch ihr Bruder Caspar gehört. Die 350 Anhänger dieser «Kolonie» predigen urchristliche Ideale. Trotz deren moralischer Strenge schafft es Graff weiterhin, ihre Forschungen zu betreiben. 1690 besucht sie ihr wütender Noch-Ehemann, der gar nichts von den Labadisten hält. Zwei Jahre später sind die beiden geschieden.

Networking in Amsterdam

1691 verlässt Maria Sibylla die Sekte und zieht nach Amsterdam, wo sie mit Farben handelt und präparierte Insekten verkauft. Sie nimmt wieder ihren alten Nachnamen an und nennt sich «Witwe», was durchaus Sinn macht: Nach Überzeugung der Labadisten ist ein Ehepartner, der nicht zur kleinen Kirche gehört, für den andern gestorben.

In kürzester Zeit knüpft Merian ein dichtes Beziehungsnetz, freundet sich mit Forschern, Botanikern und Künstlern an. Darunter ist auch der Direktor des botanischen Gartens, wo Maria Sibylla viele Stunden damit verbringt, exotische Schmetterlinge und Käfer zu studieren. Hier und in den Sammlungen ihrer Freunde sieht sie die schönsten Tiere – jedoch ohne ihren Ursprung und ihre Fortpflanzung zu erfahren. Ab da spürt Maria Sybilla wieder ihr dreizehnjähriges Herz: Sie will herausfinden, wie sich diese Tiere entwickeln, wie die Raupen und Kokons dieser wunderbaren Schmetterlinge aussehen.

Das letzte Abenteuer

1699 macht sie Nägel mit Köpfen: Merian verkauft den grössten Teil ihrer Sammlung. 253 Blätter mit getrockneten Pflanzen und Insekten, 100 geätzte Kupferplatten, dazu feinstes Pergament mit Aquarellzeichnungen. Innert drei Monaten ist alles verkauft.

Und dann – steht die 52-jährige Maria Sibylla Merian vor ihrem letzten grossen Abenteuer: Sie will als Pionierin die tropische Flora und Fauna Surinams erforschen. Vor der Reise hat sie keine Angst, und wenn, dann hat sie diese nicht festgehalten. Ende August erreichen Mutter und Tochter den Hafen der Hauptstadt Paramaribo, rund fünfhundert Holzhäuser mit blauen Delfter Kacheln in den Innenräumen. Dahinter ein schier endloser Regenwald, in den Merian aber kaum Eintritt findet, so verwachsen und dornig ist er.

Braucht sie auch gar nicht: In den Gärten rund um die Kolonie locken genug exotische Pflanzen Insekten an. Merian streift mit Schmetterlingsnetz und Vergrösserungsglas durch die tropisch-feuchte Hitze und tut, was sie immer tut: Einsammeln, beobachten, notieren, zeichnen. In den zwei Jahren, die sie in Surinam verbringt, entstehen die schönsten ihrer wissenschaftlichen Zeichnungen. Als sie im September 1701 mit ihrer Tochter nach Amsterdam zurückkehrt, haben sie in Branntwein eingelegte Schildkröten und Geckos in Gepäck, Leguane, Frösche und kleine Krokodile. Dazu gepresste Insekten und Pflanzen, aufgespiesste Schmetterlinge und Raupen-Kokons.

Ihre Funde präsentiert Merian in einer Ausstellung im Stadthaus und vier Jahre später in ihrem Hauptwerk: 60 Bildtafeln mit 90 Beobachtungen von Raupen, Würmern und Maden, in höchster Qualität. «Ich habe keine Kosten bei der Ausführung dieses Werkes gescheut», schreibt Merian in der Einleitung ihres wertvollen Meisterwerks. Kosten, die sie bis an ihr Lebensende verfolgen: Als Maria Sibylla Merian 1717 im Alter von 69 Jahren stirbt, steht im Totenregister «unvermögend» Kein Wort hätte schlechter gepasst.

Frau Merian ist zur Zeit im Kunstmuseum Basel zu sehen, in der Ausstellung "Basel Short Stories".