Die Musik der Gene und die Macht der Hysterie

Peter Els hat sein Leben der Musik gewidmet. Jetzt ist er 70 Jahre alt und komponiert nicht mehr viel. Stattdessen hat er eine fixe Idee: Die Symmetrien, «die sich in den Spalten des Periodensystems verbargen, hatten etwas von der Grösse der Jupitersymfonie».

Florian Weiland
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Richard Powers: Orfeo, S. Fischer 2014, 494 S., Fr. 32.90

Richard Powers: Orfeo, S. Fischer 2014, 494 S., Fr. 32.90

Peter Els hat sein Leben der Musik gewidmet. Jetzt ist er 70 Jahre alt und komponiert nicht mehr viel. Stattdessen hat er eine fixe Idee: Die Symmetrien, «die sich in den Spalten des Periodensystems verbargen, hatten etwas von der Grösse der Jupitersymfonie». Kann es ihm, dem Musiker, gelingen, musikalische Muster in den DNA-Strängen zu entdecken? Der Hobbychemiker beginnt, mit Bakterienkulturen zu experimentieren, und richtet sich in seiner Küche ein Labor ein. Keine gute Idee. Durch Zufall erfährt die Polizei von seinen Versuchen. Ist Els ein Bioterrorist? Plant er einen Anschlag?

In Amerika ist nach den Anschlägen vom 11. September jeder verdächtig. Am nächsten Tag stürmt eine Antiterroreinheit seine Wohnung. Els kann rechtzeitig fliehen. Die Medien stilisieren den emeritierten Musikprofessor zum gefährlichen Terroristen hoch.

Richard Powers verknüpft experimentelle Musik und Gentechnik in furioser Weise miteinander und erzählt in seinem für den Booker-Preis nominierten Roman, wie ein unauffälliger, integrer Mann Opfer der Terror-Hysterie wird.

Ein musikalisches Roadmovie

Auf seiner Flucht blickt Els auf sein Leben zurück. Wir erfahren von Liebe, Freundschaften und vom Zerbrechen seiner Familie. Die Hauptrolle spielt jedoch wie in Powers Bestseller «Der Klang der Zeit» einmal mehr die Musik. Mehr noch: Dieser Roman ist Musik. Das ganze Buch gleicht einem sorgsam ausgewählten Soundtrack. Von der Klassik bis zum Rock.

Powers gelingt es, uns an der grossen musikalischen Sensibilität, die Els auszeichnet und in seiner Begeisterung für Komponisten wie Mahler oder Schostakowitsch zum Ausdruck kommt, teilhaben zu lassen. Der Roman spürt dabei immer wieder der Frage nach, was Kreativität ausmacht. Besonders mitreissend wird das am Beispiel von Olivier Messiaens in einem NS-Gefangenenlager entstandenen «Quartett für das Ende der Zeit» aufgezeigt. Ein zehnseitiger Exkurs, der unter die Haut geht. Mit wunderbarer Ironie werden dagegen Els eigene, experimentelle Kompositionen aufs Korn genommen. Er erleidet mit seiner «publikumsverachtenden Avantgardemusik» mehr als einmal Schiffbruch.

Nach wahren Begebenheiten

Ein humorvoller Grundton zeichnet das Buch aus. Beeindruckend der Auftakt, in dem erst durch den Tod seines musikalisch begabten Hundes die Behörden auf Els aufmerksam werden oder wie die Medien seine Kompositionen schliesslich doch noch bekannt machen. Früher sassen bei seinen Aufführungen mehr Personen auf der Bühne als im Saal.

Powers legt einen aussergewöhnlichen Künstlerroman vor, der auf auf den Professor Steve Kurtz anspielt, der vom FBI als Bioterrorist verdächtig wurde und vier Jahre brauchte, um die Vorwürfe zu widerlegen. Ob Els so viel Zeit bleiben wird?

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