«Die Mütter waren mir dankbar»

Das Lucerne Festival setzt auf die Frauen – mit Erfolg, wie eine Halbzeitbilanz zeigt. Zu den Eingeladenen gehört Mirga Gražinyte-Tyla, die als erste Frau ein Spitzenorchester leitet. Sie spürt, dass sie als Frau zum Rollenvorbild wird.

Urs Mattenberger
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«Es braucht jemanden, der eine Richtung vorgibt»: Mirga Gražinyte-Tyla bei ihrem Auftritt am Lucerne Festival. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

«Es braucht jemanden, der eine Richtung vorgibt»: Mirga Gražinyte-Tyla bei ihrem Auftritt am Lucerne Festival. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Frau Gražinyte-Tyla, Sie äusserten den Wunsch, dieses Gespräch sollte sich nicht nur um Ihre Rolle als Frau im Musikbetrieb drehen…

Mirga Gražinyte-Tyla: …danke für Ihre Rücksicht! (lacht herzlich)

Aber die Genderfrage ist bei einer Frau, die in einer Männerdomäne an die Spitze gelangt, doch zwangsläufig ein Thema?

Gražinyte-Tyla: Ich verstehe, dass das gesellschaftlich so wahrgenommen wird, weil es noch immer wenige Frauen am Pult grosser Orchester gibt. Damit das etwas Selbstverständliches wird, braucht es schlicht mehr Erfahrungen mit dirigierenden Frauen, die ja auch eine andere Stimme und Statur haben als Männer. Aber ich bin überzeugt, dass sich das gegenwärtig ändert.

Sie sagten in einem Interview, dass Sie Ihre Stimme zu kontrollieren versuchten, weil deren hohe Frequenzen Orchestermusiker irritiert hatten. Hat sich auch das entspannt?

Gražinyte-Tyla: Ja, ein schönes Erlebnis für mich war, als ich in Los Angeles die Dirigentin Susanna Mälkki bei der Arbeit und in Konzerten erlebte. Das fühlte sich so selbstverständlich und wohl an! Und als ich dort ein Familienkonzert dirigierte, brachten viele Mütter ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, dass ihre Töchter – und Söhne! – ein solches Rollenvorbild erleben durften. Trotzdem: Ich persönlich hatte nie das Gefühl, dass ich es in diesem Beruf als Frau viel schwieriger hätte.

Wie sind Sie denn zum Dirigieren gekommen?

Gražinyte-Tyla: Es gibt ja je nach Land unterschiedliche Wege hin zu diesem Beruf. In Litauen, wo ich herkomme, hat dafür die Chorszene eine entscheidende Bedeutung. Jeder zweite Litauer, witzelt man da, sei ein Chordirigent. Einer davon ist auch mein Vater. So machte ich bereits als Jugendliche Erfahrungen mit dem Dirigieren eines Chors. Und schon da lernte ich etwas ganz Entscheidendes kennen, nämlich wie die Kommunikation mit einem Klangkörper funktioniert.

Das Baltikum bringt nicht nur viele hochkarätige Musiker wie Gidon Kremer hervor, mit dem Sie auf Tournée waren. Sondern eben auch Chöre. Woher kommt deren Bedeutung?

Gražinyte-Tyla: Während der sowjetischen Besatzung war der Gesang ein wichtiger Weg zu unserer nationalen Identität. Dazu gehörten Lieder, die mit nur ein paar Tönen Existenzielles ausdrücken. Das spürt man auch in der zeitgenössischen Musik. Etwa in jener von Arvo Pärt, aber auch in dem im weitesten Sinn romantischen Werk meiner Landsfrau Raminta Šerkšnyte.

Wann vollzogen Sie den Schritt ans Pult grosser Orchester?

Gražinyte-Tyla: Während meines Chordirigierstudiums in Graz belegte ich Orchesterdirigieren als Nebenfach. Und da fragte mich der Professor, ob ich nicht das sinfonische Repertoire im Hauptfach studieren wollte. Das interessierte mich, weil da vieles für mich neu zu entdecken war. Und bald begann ich dieses Repertoire genauso zu lieben wie die mir bereits vertraute Chormusik.

Am Lucerne Festival haben Sie Beethovens «Pastorale» dirigiert. Gerade bei Beethoven gibt es einen heroischen Gestus, den man rasch mit Männerklischees verbindet. Denken Sie, dass Sie da als Frau andere Akzente setzen?

Gražinyte-Tyla: Das ist eine schwierige Frage, aber ich denke, das kann durchaus der Fall sein. Als Frau darf man ohnehin nicht den Fehler machen, Männer imitieren zu wollen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Gražinyte-Tyla: (überlegt) Ich erinnere mich an eine Aufführung von Beethovens fünfter Sinfonie unter Kurt Masur, die unglaublich heroisch klang, selbst im Andante. Deren zweite Variation verbindet den Dreiertakt mit einer Art Marschcharakter. Bei Masur gewann das mit dem Ausbruch der Trompeten etwas regelrecht Martialisches. Das hat mich irritiert, und ich versuchte es später anders zu machen.

Heldenklischees bedienten einst auch Pultdiktatoren vom Schlag eines Toscaninis. Heutige Dirigenten verstehen sich dagegen eher als Teamplayer. Stehen auch deshalb heute den Frauen die Türen offen, wie Altmeister Bernard Haitink einmal sagte?

Gražinyte-Tyla: Ich persönlich könnte mir den tyrannischen Weg überhaupt nicht vorstellen. Aber ich denke nicht, dass das eine Genderfrage ist. Die westliche Welt strebt überhaupt dem Ideal einer Teamgesellschaft nach: Der Idee, dass jeder Einzelne eine eigene Verantwortung hat und in seiner Funktion möglichst sein Bestes gibt. Das gilt auch für Orchester. Es funktioniert zwar nicht immer, aber bleibt doch immer das Ziel.

Was ist Ihre Rolle als Dirigentin?

Gražinyte-Tyla: Wie in einem Gespräch, wo jeder seinen freien Willen hat und seine eigene Meinung einbringen kann, braucht es jemanden, der eine Richtung vorgibt. Das ist es, was im Wort «Orchester-Direktion» schön zum Ausdruck kommt. Da muss man bei jedem Orchester und je nach Situation schnell reagieren können. Das Wichtigste ist, dass man dabei authentisch und auf der Suche nach sich selbst bleibt.

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