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Die Mücke macht Theater

Eigensinnig, widerspenstig und sensibel: Das ist der Grundton in Kinderbüchern aus den Niederlanden seit 1945. Die Holländer erzählen auf Augenhöhe; deutsche Verlage reissen sich um ihre Bücher – und machen kleine Kunstwerke aus ihnen.
Bettina Kugler
Sauber für den nächsten Spuk: «Gespensterwäsche» bei Annie Schmidt. (Bild: Sieb Posthuma, Moritz Verlag)

Sauber für den nächsten Spuk: «Gespensterwäsche» bei Annie Schmidt. (Bild: Sieb Posthuma, Moritz Verlag)

Tag und Nacht könnte Rolf Erdorf über Manuskripten sitzen und arbeiten. Derzeit gehört er zu den gefragtesten Übersetzern aus dem Niederländischen, zusammen mit Maike Blatnik und mit Mirjam Pressler, die ebenfalls in den vergangenen Jahrzehnten fleissig Kinder- und Jugendbücher aus Holland und dem angrenzenden Flandern ins Deutsche übersetzt hat.

Erdorf kennt sie alle, die fabelhaften Geschichtenerzähler: Edward van de Vendel und Michael de Cock, Ted van Lieshout und Gideon Samson, Tjibbe Veldkamp und viele andere – er ist es, der sie in punktgenauen Übertragungen bekannt gemacht hat. «In Holland begegnet man sich mindestens fünfmal im Leben», sagt er über das kleine Literaturland und seine vielen lohnenden Geschichten.

Auf Augenhöhe mit Kindern schreiben

Es ist der Tonfall der niederländischen Autoren, der Erdorf besonders anspricht: die Mischung aus Eigensinn, Humor und Sensibilität für kindliches Denken und Empfinden. «Ein bisschen mehr auf Augenhöhe» sei das Verhältnis von Holländern zu ihren Kindern schon gewesen, als er ein kleiner Bub war und in seinem Dorf in der Eifel die Touristen aus dem Nachbarland beobachten konnte. Eher wie ältere Freunde hätten die Eltern getönt, erinnert sich Erdorf. So, wie es heute auch bei uns meistens ist.

«Euch kann ich's ja ruhig sagen: Die Sache mit Thomas kam mir selber unerwartet», so fängt zum Beispiel Guus Kuijer, Jahrgang 1942, einen seiner bekanntesten Kinderromane an, «Das Buch von allen Dingen». «Eigentlich hatte ich ein ganz anderes Buch schreiben wollen. Ein rührendes Buch, über das man auch lachen kann. Es sollte von meiner glücklichen Kindheit handeln...» Aber dann kam es eben doch anders. Kann man ein solches Buch weglegen?

Rebellische Reime: Annie M. G. Schmidt

Prägend für die niederländische Kinderliteratur nach 1945 war Annie M. G. Schmidt; ihre Bücher zählen längst zu den modernen Klassikern, auch wenn sie über die Grenzen Hollands hinaus erst allmählich durch Übersetzungen bekannt werden. Entdecken kann man ihren skurrilen Witz beispielsweise in den gerade im Frankfurter Moritz-Verlag erschienenen Reimgeschichten «Ein Teich voll mit Tinte»; Sieb Posthumas Illustrationen erinnern an den schelmisch-schwarzen Humor von Tomi Ungerer. 1988 erhielt Annie M. G. Schmidt die Hans-Christian-Andersen-Medaille, weltweit die wichtigste Auszeichnung für Kinderliteratur, aus den Händen Astrid Lindgrens. Vieles verbindet sie mit der schwedischen Autorin.

Fröhlich, leicht, augenzwinkernd – das schätzen deutsche Verlage am Stil der Kinderliteratur aus den Niederlanden: etwa bei Bibi Dumon Tak, die mit «Kuckuck, Krake, Kakerlake» und «Mücke, Maus und Maulwurf» zwei ungewöhnliche, inzwischen gern kopierte Sachbücher geschrieben hat: Sie spinnt darin kurze Geschichten um «allernormalste» oder weniger bekannte Tiere, etwa die Mücke – oder die Jesus-Christus-Echse. «Ojemine, was für ein Name. Ist diese Echse denn heilig?» Wie jedes normale Kind gönnt sie sich erst einmal ausgiebiges Staunen. Und breitet dann genüsslich aus, was sie mit Leidenschaft für die Materie recherchiert hat. Zum Beispiel, welches Theater die Mücke für ihren Nachwuchs macht.

Bücher, die Luft lassen für eigene Gedanken

Durch die Poesie der Texte und die charakterstarken Linolschnitte von Fleur van der Weel werden aus den Bänden bibliophile Kunstwerke. Kinder haben durchaus Sinn für solche Qualität. Etliche schön aufgemachte Titel aus den Niederlanden sind in den vergangenen Jahren bei Urachhaus in Stuttgart und bei Gerstenberg in Hildesheim erschienen – illustriert von niederländischen Künstlern wie Philip Hopman, Annemarie van Haeringen und Mattias De Leeuw. Herausragend etwa seine Bilder zu Edward van de Vendels «Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche» und Annemarie van Haeringens pointierte Bilderbuch-Biographien von Coco Chanel und Henri Matisse.

Erzählt sind die Texte mit Luft zwischen den Zeilen. Knapp, schnörkellos und mit Witz regen sie an zum Nachdenken. Ohne pädagogische Umwege.

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