«Die Menschen müssen stehen bleiben»

Der Neukircher Obstbauer Toni Hengartner hat die Alphorn-Festmelodie für das Nordostschweizerische Jodlerfest geschrieben. Am Sonntag wird sie am Festakt vom Gesamtchor gespielt. Hengartner ist selbst ein begeisterter und erfolgreicher Alphornbläser.

Martin Preisser
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Komponist Toni Hengartner. (Bild: Martin Preisser)

Komponist Toni Hengartner. (Bild: Martin Preisser)

Punktierte Achtel – Sechzehntel und eine halbe Note; tam-ta-taaa, mit diesem Rhythmus, der das Wort «Für-sten-land» ausdrückt, beginnt Toni Hengartners Festmelodie fürs Nordostschweizerische Jodlerfest. Der Alphornbläser komponiert seit 1996; erstmals hat eine Melodie von ihm jetzt den Sprung in den Festakt geschafft. Der Gesamt-Alphornchor wird es am Sonntag in Gossau spielen. Ganz leicht ist das Stück nicht, Hengartner hat ein paar rhythmische Tücken eingebaut. Er selbst wird sein Stück im Trio beim Wettspiel präsentieren und die Höchstnote anstreben. Erhalten hat er sie schon einige Male. Dass er hervorragend Alphorn spielt, erzählt seine Frau. Er selbst ist zu bescheiden, um zu verraten, dass er auch als Juror amtet und Kurse gibt.

Erst mit 35 Alphorn gelernt

Toni Hengartner ist gelernter Obstbauer und seit zehn Jahren selbständig mit einem Betrieb, der Beerenjungpflanzen produziert. Im Moment sind es vor allem Erdbeeren. 35 Leute arbeiten in der Hauptsaison in seinem Neukircher Betrieb. «Ich habe als Kind in Sitterdorf immer einen Alphornspieler gehört. Den Klang habe ich nie mehr vergessen», sagt Hengartner. Erst mit 35 kam der Impuls, dieses Instrument zu lernen. Bis heute war der 65jährige Landwirt schon dreissigmal an einem Jodlerfest. Das Gossauer ist sein 31.

Sehnsucht nach Ruhe

«Nur wenn es ein Alphornspieler schafft, dass die Vorübergehenden stehen bleiben und zuhören, ist der Klang perfekt geraten», sagt Toni Hengartner, der das Alphorntrio Egnach gegründet hat und auf einer CD im Quartett auch mit Tochter Corinne musiziert. «Man muss als Spieler mit dem Klang der reinen Naturtonreihe den Zuhörer abholen können.» Und wie bei jeder guten Musik komme es – neben der perfekten Atemtechnik – auf den Ausdruck der Melodie an, auf die Gestaltung der Bögen über den Tönen. Hengartners erste Komposition hiess «An der Felswand», ein Alphornstück mit Echoeffekt und eine Hommage an den Lieblingsplatz aller Alphornspieler, den Seealpsee im Alpstein. Alphorn ist in. Zehn Schüler unterrichtet der Obstbauer; die jüngste Schülerin ist ein achtjähriges Mädchen. Und auch Jodelfeste sind in, der Zulauf wächst ständig. Toni Hengartner hat eine einfache Erklärung dafür: «Auf diesen Festen findet man Ruhe, Pöbeln hat da keinen Platz.» Und er sagt: «Je verrückter die Welt wird, desto mehr sehnt sich der Mensch nach der Ruhe eines Jodels oder einer Alphornmelodie.»