Die Menschen hinter den Zahlen

Was bedeutet es, Familie, Arbeit und Heimat aufgeben zu müssen? In der Ausstellung «Flucht» im Zürcher Landesmuseum können Besucher in die Rolle von Betroffenen schlüpfen. Eine packende Erfahrung.

Melissa Müller
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In der Ausstellung kann man fünf Menschen auf der Flucht begleiten – zum Beispiel die Syrerin Hayat. Sie ist mit ihren Kindern nach Libanon geflohen, wo sie in einer versifften Garage Unterschlupf gefunden hat. (Bild: Manuel Lopez/KEY (Zürich, 27. Oktober 2016))

In der Ausstellung kann man fünf Menschen auf der Flucht begleiten – zum Beispiel die Syrerin Hayat. Sie ist mit ihren Kindern nach Libanon geflohen, wo sie in einer versifften Garage Unterschlupf gefunden hat. (Bild: Manuel Lopez/KEY (Zürich, 27. Oktober 2016))

Frauen, die es sich leisten können, lassen sich vor der Flucht eine Hormonspritze geben. Weil ihnen klar ist, dass sie auf ihrer Reise ins Ungewisse mindestens einmal vergewaltigt werden. Solche Dinge erfährt man nebenbei in der Wanderausstellung «Flucht». Sie wird heute im Zürcher Landesmuseum eröffnet und dauert bis 5. März. Geschildert wird auch, dass die Menstruation für Frauen unterwegs eine beschämende Sache sein kann, wenn es an Hygieneartikeln mangelt. Eine Wand ist übersät mit Kinderzeichnungen von Kriegsflugzeugen, Pistolen und Menschen, die einander schlagen. Denn die Hälfte der Flüchtlinge sind minderjährig.

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Und jeden Tag brechen weitere 34 000 auf. «Wir sehen das Elend im Fernsehen, hören im Radio von den Ertrunkenen», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga gestern an der Vernissage. «Und doch kommt es vor, dass wir seltsam unberührt bleiben.» Genau das will diese Ausstellung ändern, indem sie den Menschen hinter den Zahlen ein Gesicht gibt. Und eindrücklich die Stationen einer Flucht zeigt.

Persönliche Ecke im Flüchtlingslager erkunden

Im Zentrum stehen zwei Frauen und drei Männer aus Afghanistan, Somalia, Syrien dem Libanon und Südsudan. Ihre Biographien sind fiktiv; es sind jedoch typische Flüchtlingsgeschichten. Eine dieser Figuren ist Malaika aus dem Südsudan. Ihr Dorf wird überfallen, ihre Eltern ermordet. Die junge Frau versteckt sich hinter einem Busch. Nach einem wochenlangen Marsch erreicht sie das Flüchtlingslager Kakuma in Kenia, in dem 180 000 Menschen leben – mehr als in Basel. Eine Ecke in der Ausstellung ist eingerichtet wie Malaikas Platz im Lager. Da liegt eine eingerollte Plastikmatte. An einer Schnur hängen Glasperlenketten, ein typischer Schmuck der Frauen im Südsudan. Auch ein Gaskocher gehört zu Malaikas Habseligkeiten – entwickelt von Schweizer Spezialisten. Denn die Ausstellung zeigt auch, wie die Schweiz Menschen in Not unterstützt. «Wir leisten Hilfe vor Ort», sagt Simonetta Sommaruga. «Wir sorgen dafür, dass Flüchtlinge sauberes Wasser haben und wir unterstützen Länder wie Jordanien, damit Flüchtlingskinder zur Schule gehen können.»

Auf dem Rundgang erfahren wir, dass Malaika schwanger ist, weil sie vergewaltigt wurde. Und dass sie nachts nie allein auf die Toilette geht, aus Angst vor weiteren Übergriffen. Ein bisschen fühlt man sich wie ein Detektiv. Denn man kann Schubladen öffnen, in denen sich persönliche Gegenstände der Flüchtlinge befinden. So findet man Maleikas Massband und erfährt ihren Traum: Mit Freundinnen ein kleines Schneidergeschäft eröffnen. Die bittere Realität ist, dass sie erwägt, den Heiratsantrag eines älteren Mannes anzunehmen, den sie nicht liebt. «Doch er könnte mich und mein Kind beschützen», überlegt sie.

Es ist spannend, in die fremden Leben einzutauchen. Auf einem Tisch sind ein Schuh, ein Schweizer Pass, Sackmesser, Handy, Geld, Medikamente und Familienfotos ausgebreitet. Dazu die Frage: «Was würden Sie mitnehmen?»

«Die Ausstellung geht über die Zeitungsspalten hinaus und ermöglicht einen emotionalen Zugang», sagt Gieri Cavelty, Leiter Information im Staatssekretariat für Migration. Man könne zu diesem Thema gar nicht genug Informationen haben – «es geht uns alle an.» Die gut verständliche, reich bebilderte und interaktive Schau wurde für Schulklassen konzipiert – öffnet aber auch Erwachsenen die Augen. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Eidgenössischen Migrationskommission EKM, des Staatssekretariats für Migration SEM, des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza. Sie erklärt auch, wer Schutz erhält und wie das Schweizer Asylverfahren funktioniert.