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Die meisten Theaterstücke wurden von Männern geschrieben – die Frauen haben genug und packen nun selber an

Regisseurinnen und Schauspielerinnen, die Frauenthemen behandelt sehen wollen, müssen sie um- oder selbst schreiben. Sie tun beides. Und zwar richtig gut.
Valeria Heintges
Mehr Respekt! Die sechs Frauen aus «Flex». (Bild: Gina Folly)

Mehr Respekt! Die sechs Frauen aus «Flex». (Bild: Gina Folly)

Die Frauen wollen auf der Bühne endlich jene Themen verhandeln, die sie selbst betreffen. Julia Haenni lässt ihre Schauspielerinnen punkt- und kommalos in «Frau verschwindet (Versionen)» sagen: «Ich hab keinen Bock mehr, immer umgebracht zu werden, mich selbst umzubringen oder mit so irren Augen über die Bühne zu laufen, weil ich verlassen, angelogen, übergangen worden bin oder sonst wie über mich drübergegangen wurde durch einen oder mehrere Männer.»

«Frau verschwindet (Versionen)» schrieb die 1988 im Aargau geborene Haenni, 2018/19 Hausautorin am Konzert Theater Bern. Jetzt hat Regisseurin Marie Bues das Stück zusammen mit einem durchweg weiblichen Team und drei Schauspielerinnen als furiosen, wilden, wütenden Abend inszeniert. Selbstbewusste Frauen suchen darin nach selbstbewussten Rollen für selbstbewusste Frauen. Natürlich hat die #MeToo-Debatte längst den hierarchie- und testosterongesättigten Theaterbetrieb erreicht. Längst ist jedem klar, dass noch viel passieren muss, wenn nur auf jedem vierten Intendanten-, Regie- oder Autorenstuhl eine Frau sitzt. Doch gibt es Probleme nicht nur hinter, sondern auch auf der Bühne.

Jahre-, jahrzehnte-, jahrhundertelang sah man dort oben die Welt aus Männersicht. Jetzt wollen weibliche Darstellerinnen nicht mehr nur die «durchgeknallte Frau» auf der Bühne sein, genügen ihnen Rollenbeschreibungen wie «die Geliebte vom und Beigemüse des und Grünzeug bei und Deko in der Midlifecrisis für», sagt Haenni. Nicht mehr. Stattdessen ergreifen sie wütend die Initiative und stellen lautstark Forderungen. Nach Rollen, in denen Frauen nicht die Opfer sind, sondern mit beiden Beinen im Leben stehen, arbeiten gehen und sich ihr Geld selbst verdienen. Nach Bühnenfrauen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden und nicht in die Schublade «Frau und Mutter» passen.

Wenn Richard III. «ihre Frau steht»

Pinar Karabulut gilt als feministische Regisseurin, weil sie konsequent klassische Stoffe nach Frauenthemen untersucht. In ihrer Arbeit «The great tragedy of female power», uraufgeführt am 8. März 2018 am Zürcher Theater Neumarkt, entlarvt sie, wie einseitig die Sicht in manchen Bühnenklassikern ist. In Shakespeares Rosenkriegsdramen etwa findet Karabulut Machtspielchen voller Rache, Drohung und Erpressung. Auf der Bühne des Theaters Neumarkt stehen Männer, die sich mit merkwürdigen Perücken auf dem Kopf allen eindeutigen Geschlechterzuweisungen entziehen. Irgendwann, nach langer, langer Aufführungszeit, tritt doch noch eine Frau auf. Und übernimmt mit den Worten Richards III. die Herrschaft: «Jetzt folgt dem Winter unsrer Bitterkeit der Sommer unsrer Macht.»

Szene aus «The great tragedy of female power». Bild: Niklaus Stauss/Keystone

Szene aus «The great tragedy of female power». Bild: Niklaus Stauss/Keystone

Für «The Great Tragedy ...» nutzt Pinar Karabulut unter anderem Texte von William Shakespeare sowie von Lady Gaga, wie das Programmheft vermerkt. «Die Texttradition ist klar», sagt sie im Interview mit dem Fachportal «nachtkritik.de»:

«Männer verhandeln mit Männern ein Problem, gelegentlich taucht eine Frau auf.»

Dennoch sieht Karabulut die Möglichkeit, die Klassiker für sich zu nutzen: «Die starken und spannenden Frauenfiguren gibt es bereits alle im konventionellen Theaterkanon, wir müssen sie nur herauspicken und die alten Rollenbilder und damit die Lesart aufbrechen – quasi benutzen und ummodellieren.»

Mit diesem Verfahren hat sie Klassiker wie «Romeo und Julia», «Die Jungfrau von Orleans» oder «Endstation Sehnsucht» auf die Bühne gebracht. So erfolgreich, dass Karabulut jetzt auch unter dem neuen Leitungstrio am Neumarkt arbeitet; zusammen mit der Schauspielerin Tina Keserovic entwickelt sie ein Format, das im Frühjahr 2020 realisiert werden soll, real, im Schaufenster des Hauses, und virtuell, auf Instagram.

Leonie Böhm, eine der acht neuen Hausregisseure am Schauspielhaus Zürich, geht in der Bearbeitung der Klassiker einen Schritt weiter. Sie wird im November Schiller an den Münchner Kammerspielen zur Premiere bringen. Titel: «Die Räuberinnen». «Für die Suche nach Freiheit ist das Theater ein fantastischer Ort», sagt Böhm. Denn es setzt den Eingriffen der Regisseure und Dramaturgen faktisch keine Grenzen, vor allem nicht, wenn sie wie Böhm als Quelle «nach Schiller» angeben. Dann können auch Männerrollen mit Frauen und Frauenrollen mit Männern besetzt werden – Letzteres war zu Shakespeares Zeiten üblich.

Gesellschaftliche Regeln umstossen

Das Theater bietet Frauen die Möglichkeit, sich ihrer Themen zu bemächtigen und auf der Bühne zu verhandeln. Die sechs jungen Baslerinnen in Suna Gürlers «Flex», entstanden 2015 am Jungen Theater Basel und jetzt am Schauspielhaus Zürich zu sehen, nutzen das. Mit grosser Offenheit und Dringlichkeit bringen sie Probleme auf die Bühne, mit denen sie im Alltag konfrontiert sind. Habe ich die Bikinifigur? Würde mein Freund auch zu mir stehen, wenn ich mir die Beine nicht mehr rasierte? Schaffe ich es, zu mir und meinem Körper zu stehen, auch wenn ich immer wieder an gesellschaftliche Regeln und Grenzen stosse?

Sie sind wütend, die sechs. Sie sind ganz unterschiedlich – dünn oder dick, schüchtern oder draufgängerisch, sportlich oder chic. Egal: Sie sind alle Frauen. Sie haben Angst und suchen nach Vorbildern. Sie wollen respektiert und würdig behandelt werden. Und sie finden: Das muss jetzt endlich einmal gesagt werden. Beste Voraussetzungen für gutes Theater.

Der Saisonauftakt gehörte den Frauen

Ob Basel, Zürich oder Bern: Zur Spielzeiteröffnung wurde man dieses Jahr regelrecht «überfraut». Am Konzert Theater Bern wurde der feministische Text «Frau verschwindet» von Julia Haenni von einem weiblichen Team uraufgeführt. Das Theater Basel gedachte mit der Luigi-Nono-Oper «Al gran sole carico d’amore» der von der Geschichtsschreibung unterschlagenen Revolutionärinnen. Und die neue Intendanz des Schauspielhauses Zürich setzte ein klares Zeichen, als es seine erste Spielzeit mit dem feministischen Jugendstück «Flex» eröffnete. (jst)

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