Figurentheater St. Gallen:
Die Maus lebt nicht vom Brot allein

Farbe für karge Wintertage: Im Figurentheater St.Gallen hat Kathrin Bosshards neues Stück «Frederick» nach dem Bilderbuchklassiker von Leo Lionni Premiere gefeiert.

Bettina Kugler
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Kathrin Bosshard lässt die Mäuse Arien singen - Frederick sammelt derweil Sonnenstrahlen. Bilder: Tine Edel

Kathrin Bosshard lässt die Mäuse Arien singen - Frederick sammelt derweil Sonnenstrahlen. Bilder: Tine Edel

Dicke Staubwolken hüllen die Mauer aus grauen Requisitenkoffern in Nebel; die Frau mit der Pelzmütze bläht die Backen und pustet mit Lust. Soll das jetzt heissen, die Geschichte, die noch in den Koffern schlummert, habe doch reichlich Staub angesetzt mit den Jahren? Nein! Leo Lionnis fabelhaft poetische Mäuseparabel «Frederick» für kleine und grosse Träumer ist seit fünfzig Jahren ein Hit im Kinderzimmer: Ein Bilderbuch, das man jedem Menschenkind am liebsten schon in die Wiege legen möchte.

In zarten Bildern aus bemalten, von Hand in Form gerissenen Papierstücken erzählt der Künstler darin vom lebensnotwendigen Luxus des Schönen. Seine Maus Frederick ist ein Müssiggänger; statt Körner und Nüsse sammelt sie im Herbst Farben, Worte und Sonnenstrahlen. Am Ende hilft das auch den emsigen Mäusekollegen, den Winter zu überleben – spätestens, als die Vorräte in der Speisekammer verputzt sind und der Magen knurrt.

Sonnenstrahlen sammeln – im Theater und draussen

Die Geschichte braucht im Buch nur wenige Sätze und leuchtet doch unmittelbar ein. Wer daraus ein Stück von etwa 45 Minuten Länge machen will, muss sich etwas einfallen lassen – und das haben Kathrin Bosshard und Regisseurin Frauke Jacobi ausgiebig und gern getan, immer inspiriert von Leo Lionnis Vorlage, ganz und gar in deren Sinn. «Frederick», eine Co-Produktion des Figurentheaters St. Gallen und Kathrin Bosshards Einfraubetrieb Theater Fleisch und Pappe, kommt als erste Premiere im Familienprogramm genau zur richtigen Zeit: an einem Bilderbuchnachmittag im goldenen Oktober. An einem Tag, wie geschaffen, um Sonnenstrahlen zu sammeln; im Theater, aber vorher und nachher auch unbedingt outdoor, wie Frederick auf seiner Steinmauer.

Etwas Farbe braucht die Maus - vor allem, wenn der Magen knurrt.

Etwas Farbe braucht die Maus - vor allem, wenn der Magen knurrt.

Zur Magie und zum Mäusespass der Theaterversion tragen zum einen die Bühne (Bau: Thomas Freydl) und die üppige textile Ausstattung von Susette Neuweiler bei. Von Beginn an ahnt man, dass es Kathrin Bosshard wohl bald zu warm werden wird unter der Pelzmütze und den vielen Sachen, die sie übereinander trägt. Damit kommt Farbe ins Bild – und Bewegung. Wesentlich in Schwung gehalten wird das Stück durch die vergnügte Bühnenmusik von Resli Burri: Klar, dass die Erzählerin und Spielerin da gern zwischendurch herumtänzelt, die Hüften unter den bunten Röcken schwingt. Dabei geht es doch eigentlich um fünf Mäuse!

Die freilich kommen, keine Sorge, auch gebührend zur Geltung. Anders als im Bilderbuch haben sie lustige Namen; das Modell dazu könnte von Dürrenmatt stammen: neben Frederick sind es Lausi und Klausi, Sausi und Brausi. Sie haben Charme und Charakter und, noch besser, eine finnisch anmutende, manchmal auch mediterran sangliche, jedenfalls sehr drollige Mäusesprache. Hat jemand erwartet, dass Mäuse Deutsch piepsen, womöglich Mundart? Eben. Trotzdem braucht es keinen Dolmetscher: Es wird viel gekichert und lauthals gelacht im Publikum. Kathrin Bosshards Filzgespielen sind Meister des Slapsticks, sie können aber auch Oper und Händel-Evergreens.

Was Lausi, Klausi, Sausi und Brausi das Herz wärmt

Liebevoll ist die Ausstattung, die nach und nach aus den grossen Kisten geholt wird: Alles, was das Leben einer Mäusefamilie im Winter gemütlich macht. Doch «Frederick» wäre nicht eine Geschichte über den Wert immaterieller Schätze, über den Reichtum der Kunst, wenn sie nicht auch auf der Bühne kreativ sprühen und blühen würde. Wenn es also Herbst wird, dann ist dieser keine Fertigkulisse. Sondern Kathrin Bosshard reisst die Blätter aus einem Bogen Papier. Und wirft die Farben, die Frederick im Winterbau beschwört, mit den Fingern auf die Leinwand: Actionpainting, passend zur Musik. Soll doch der Winter kommen!

Hinweis

Nächste Vorstellungen: Heute Sa, 14.30 Uhr, 27./30.10, 14.30 Uhr, Figurentheater St.Gallen