«Die Matten sind bedroht»

In «Mamma Helvetia» im Theater Chur, das auch als Gastspiel nach St. Gallen kommt, untersucht der Bündner Georg Scharegg die Probleme der Schweiz. Ein gewagtes Experiment.

Valeria Heintges
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Beschwören die Schweiz bei der Eröffnung der Gotthard-Röhre: Das Ensemble von Mamma Helvetia am Theater Chur. (Bild: Walther Schmid)

Beschwören die Schweiz bei der Eröffnung der Gotthard-Röhre: Das Ensemble von Mamma Helvetia am Theater Chur. (Bild: Walther Schmid)

Am Gotthard treffen sich die Geister der Schweiz. Im Berg brummen die Laster durch den Tunnel, darunter rasen demnächst Züge in Rekordgeschwindigkeit gen Süden, und noch tiefer versteckt im Stein wollten sich die Generäle versammeln, wäre das Land im Zweiten Weltkrieg angegriffen worden.

Kreisen um den Gotthard

Kein Wunder also, dass der in Berlin lebende Bündner Regisseur Georg Scharegg sein Theaterstück «Mamma Helvetia», das am Mittwochabend im Theater Chur Premiere feierte, sehr dicht um den Gotthard kreisen lässt. Doch die Politiker, Honoratioren und die Delegierten vom Jodlerfest sind zu früh gekommen, um das rote Band für den neuen Tunnel zu zerschneiden. Vorher muss es tiefer hinab gehen in die Probleme des Landes.

Als «Familienrapport» hatte Scharegg den Abend angekündigt, weil es am «helvetischen Familientisch» angeblich «zünftig kracht». Er sucht sie auf, die neuralgischen Punkte: Da ziehen sie einen neuen Zeltplatz hoch, auf dem ein «Camponom» Überbezeltung vermeiden will, eine Dame faselt von «dezentrierter Konzentration» und beschwört die «Bedrohung der Matten».

Da begeben sich die Dorfbewohner auf Erkundung des «immateriellen Kulturerbes», um es der Unesco als schützenswert anzuempfehlen, sie schwingen, jodeln, rollen Käse. Und streiten sich auf Rätoromanisch, Italienisch, Deutsch und Französisch. Und wenn das Heimweh der Exilanten zu gross wird, reden sie von der Armut und dem Elend daheim. Eine blondbezopfte, herzige Maid erklärt mit elektronischer Stimme in «Get abstract»-Manier, warum es die Schweizer Wirtschaft zu Weltruhm gebracht hat. Im starken Schlussbild schotten sich alle im Riesencontainer von der Welt ab.

Nebeneinander und ineinander

Scharegg und sein Team wollen nicht weniger als der Schweiz auf den Zahn fühlen. Doch so klein das Land sein mag, so komplex und vielfältig sind seine Probleme. Aus Politikerreden, Interviews, Blogbeiträgen, Zeitungsartikeln und Leserbriefen hat das Team Material gesammelt, aber es gelingt ihm nicht, es zu bündeln. Viel zu viel wird nebeneinander- und gegenübergestellt und ineinander verzahnt, aber leider nicht durch szenische Klammern verbunden. So wird der Abend beliebig.

Daran können auch die fünf Schauspieler und zwei Musiker nichts ändern. Sie bekommen kein Futter, um Typen zu entwickeln, müssen vielmehr in viele Rollen schlüpfen, von denen kaum eine konturiert wird. Zwar erkennt man die eine oder andere Bundesrätin und einen Lokalpolitiker, aber Spannung entsteht kaum. Leider nutzt Scharegg auch nicht wie im Graubünden-Abend «Die Fremdenindustrie» feinen Humor, um Tempo zu geben. So plätschert das Werk bald langweilig vor sich hin.

9.–11., 16., 17.1. im Theater Chur. Gastspiel in St. Gallen am 31.5.2015