Museum im Bellpark Kriens:
Die männliche Pose mit weichem Kern

Bei Karlheinz Weinberger nähern sich Schein und Sein an: Das Museum im Bellpark präsentiert erstmals Sportbilder des 2006 verstorbenen Schweizer Fotografen. Bekannt wurde er als Chronist der «Halbstarken».

Deborah Keller
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Schwinger mit Kranz, Zürich, ca. 1968.
10 Bilder
Boxer, Zürich, ca. 1968.
Bodybuilding, ca. 1977.
Grosser Preis der DDR, Motorrad-Weltmeisterschaft, Sachsenring, Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt), 1962.
Catchen, Hallenstadion Zürich, ca. 1964.
Schwinger im Übungskeller, ca. 1974.
Romeo (Werner Berger), Boss der Revenger Gang im Velodress, Zürich, ca. 1964.
Catcher, Zürich, ca. 1964.
Catchen, Hallenstadion Zürich, ca. 1964.
Kraft und Geschicklichkeit, nicht datiert.

Schwinger mit Kranz, Zürich, ca. 1968.

Man muss kein Sportfan sein, um an dieser Ausstellung Gefallen zu finden. Karlheinz Weinberger (1921–2006) hat mit seinen Fotos von Wrestlern, Schwingern, Bodybuildern und Radsportfahrern Dokumente geschaffen, die viel von ihrer Zeit sowie vom Wesen des Sports und der Sportler erzählen. Zudem wecken sie die Neugier auf diesen Fotografen, der sein Können autodidaktisch erlangt und sich ein Leben lang leidenschaftlich der menschlichen – vornehmlich der männlichen – Pose in ihren unterschiedlichen, (sub-)kulturellen Ausprägungen gewidmet hatte.

Bekannt geworden war der Zürcher – erst sechs Jahre vor seinem Tod – als Chronist der «Halbstarken» und der «Rocker», die er wie kein anderer umfassend und aus nächster Nähe abgelichtet hatte, ohne selbst Teil dieser Bewegungen gewesen zu sein.

Das Museum im Bellpark Kriens zeigt nun eine Auswahl seiner noch wenig bekannten Sportfotografien, die Weinberger vorrangig in den 1960ern und 1970ern aufgenommen hat. Aus 5000 hinterlassenen Negativen wählte man etwas mehr als 70 Motive aus, die in den unterschiedlichen Räumen der Parkvilla anhand der Sportarten gruppiert sind. Im Verbund mit einer erst kürzlich beim Verlag Sturm & Drang erschienen Publikation zum Thema gewinnt das Menschenbild, das dieser zu spät entdeckte Fotograf vor seiner Linse zu bannen suchte, weiter Kontur.

Intime Darstellungen, die nicht blossstellen

Seine Recherche am Menschen hatte Weinberger, der mit Jobs als Möbelverkäufer, Logistiker und später als Lagerist bei Siemens sein Geld verdiente, in den 40er-Jahren begonnen. Er fotografierte Bauarbeiter auf der Strasse oder Geliebte und Freunde, die er im behelfsmässig eingerichteten Fotostudio seines Wohnzimmers posieren liess. Subtile Erotik ist nur ein Aspekt dieser Bilder. Vielmehr lassen sie die Abgelichteten als Männer vom Typ «harte Schale, weicher Kern» erscheinen, ohne sie dabei aber blosszustellen – ein Charakteristikum von Weinbergers gesamtem Schaffen. Bald publizierte er einige seiner Fotos unter dem Pseudonym Jim in «Der Kreis», einem international bekannten Zürcher Homosexuellenmagazin und Verein, dem Weinberger ab 1948 angehörte.

Die mehrjährige Reportage zu den Halbstarken, die in Kriens mit exemplarischen Beispielen als Supplement zu den Sportbildern zu sehen ist, setzte um 1958 ein. Obwohl selbst eher angepasst lebend, wurde Weinberger von den rebellischen Jugendlichen offenbar vorbehaltlos akzeptiert. Mit seiner Kamera begleitete er ihre Zusammenkünfte und fotografierte in seinem Wohnzimmer ihre Selbstinszenierung mittels kunstvoll präparierter Kleidungsstücke. In gleicher umfassender Manier porträtierte er nach dem Ende der Halbstarkenzeit die Zürcher Szene der Rocker, die sich um 1967 entfaltete, oder den Stricher Alex, der sich ab 1995 in Weinbergers Wohnung über elf Jahre hinweg nackt beim Kochen, Trinken und Rauchen ablichten liess.

Und wie fügen sich da die Sportfotografien ein, die derzeit in Kriens präsentiert werden? Sie entstanden parallel zu den grossen, bekannten Reportagen, jedoch anders als jene, meist als Auftragsarbeiten, etwa für die Vereinszeitschrift Satus Sport. Trotzdem ist eine Kontinuität zu Weinbergers freiem Schaffen erkennbar, wie Hilar Stadler, Direktor des Museums im Bellpark, sagt. Die Vorliebe des Fotografen für eher eigentümliche Sportarten wie Wrestling oder Bodybuilding lasse sich als linientreu zu seinem Interesse für die Selbstdarstellung an sich und für gesellschaftliche «Randgruppen» und «Outlaws» deuten.

Auch für die Sportfotografien begab sich Weinberger zudem in Milieus von eigener Prägung, etwa jenes der Schwinger, zu denen er ebenfalls mühelos Verbindung fand. Wie die Halbstarken, die Rocker oder die Drogenabhängigen, gingen sie in seiner Wohnung ein und aus und überantworteten ihm ihre Inszenierung, mit denen sie teils auch ihre Autogrammkarten bebilderten.

Bei ihm wirken Wrestler fast wie Tänzer

Die Fähigkeit, eine solche Vertrauensbasis bei gleichzeitiger Distanzwahrung entstehen zu lassen, ist das, was an Weinberger fasziniert. Und natürlich der besondere Blick, den er auch in den Sportbildern offenbart: Bei Kampfdokumentationen wählte er nicht selten Perspektiven, die das Geschehen abstrahieren, sodass etwa Wrestlingszenen eine erstaunlich poetische, beinahe tänzerische Anmut gewinnen.

Eine Serie von posierenden Bodybuildern wirkt fast skulptural, während die meisten anderen, gestellten Fotos in ihrer Theatralik kaum überzeichnet sind. Die Sportler bleiben – wie seine übrigen Modelle – nahbar. Die Kluft zwischen Schein und Sein wurde im Sucher von Weinbergers Kamera zumindest für einen Moment ein wenig kleiner.

Die Ausstellung «Karlheinz Weinberger: Sports» läuft bis 12. Mai. Gleichnamige Publikation, herausgegeben von Reto Caduff, 130 Schwarz-Weiss-Bilder, Verlag Sturm & Drang, Zürich 2018, 128 Seiten, 21 x 28 cm, Fr. 34.--.