Die magische Moralistin

Hansruedi Kugler
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Yasmin Reza (Bild: Getty Image)

Yasmin Reza (Bild: Getty Image)

Reza Eigentlich passt diese Autorin gar nicht in mein Beuteschema als Leser. Ich mochte immer Autoren, die ihre Figuren in politische Dilemmas stürzen: als Täter, Opfer oder Zuschauer, als Erinnerungsarbeiter, Ankläger oder Melancholiker. Aber wahrscheinlich ist es das vordergründig Unpolitische, das mich bei Yasmina Reza anzieht – weil es mich irritiert. Die Wohlstandsprobleme der europäischen, ökonomisch sorglosen Mittelschicht mit ihren Status-, Ehe- und Identitätszweifeln kann man nämlich leicht verspotten. Nur hatte ich bei Reza ein Erweckungserlebnis: Ich sass in «Der Gott des Gemetzels» und war baff. Höchstes Boulevard: Kunstvolle Konversations-Schlacht ohne Regie-Schnickschnack – es traf mich ins Herz, warf mich in Selbstzweifel. Von jeder Figur steckte etwas in mir selbst. Der Widerstreit der Reza-Figuren begleitet mich seit Jahren und ist Referenz bei Debatten über die bürgerlichen Luxusthemen Ehe, Erziehung, Status, Freundschaft. Yasmina Reza lässt unsdie eigene Peinlichkeit spüren und macht sie gleichzeitig erträglich, weil wir sie im Theater mit anderen Zuschauern teilen. Wie selbstgefällig wir unsere Werte und Haltungen der Welt aufdrängen, wie schnell wir Aufgeklärten verwirrt und intolerant werden, kann man bei Reza lernen. Der magische Reiz ihrer Stücke liegt in der verzweifelten Komik unseres eigenen Lebens.

Hansruedi Kugler