Die Magie des Flimmerkastens

Das Kunstmuseum Liechtenstein reflektiert das Verhältnis von Kunst und Fernsehen. Der Ausstellungsbesucher wird dabei zwar zum Fernsehkonsumenten. Doch dabei werden selbst oft gesehene Bilder neu erlebbar gemacht.

Florian Weiland
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Die Ausstellung «Telegen» in Vaduz verschmilzt Kunst- und Medienwelt. Im Vordergrund der «Nagel-Fernseher» von Günther Uecker. (Bild: Ines Agostinelli)

Die Ausstellung «Telegen» in Vaduz verschmilzt Kunst- und Medienwelt. Im Vordergrund der «Nagel-Fernseher» von Günther Uecker. (Bild: Ines Agostinelli)

VADUZ. War das Fernsehprogramm wieder einmal schlecht? Ziel der Attacke war jedenfalls das Fernsehgerät. Günther Uecker trieb unzählige Nägel in die glänzende Oberfläche des Flimmerkastens. Das Zeitalter der Flachbildschirme war noch weit entfernt. Während der Aktion liess Uecker sich – wie passend! – von einem Fernsehteam filmen. Damit wollte er auf unser passives Verhalten während des TV-Konsums aufmerksam machen. Seit den 1960er-Jahren setzen sich Künstler mit dem Fernsehen auseinander. Sie arbeiten mit dem Fernsehapparat als skulpturalem Objekt oder manipulieren die Bilder. Das TV-Programm wird zum Generator neuer Bilder.

Inspirierender Trash

Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet sich den verschiedenen Arten der Verarbeitung dieser «Tele-Visionen». Die Ausstellung, in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bonn entstanden, konzentriert sich auf die künstlerische Auseinandersetzung mit den spezifischen Inhalten und bildkulturellen Prägungen, die das Massenmedium entwickelt hat.

Würden Künstler ein besseres Fernsehprogramm hinbekommen? Schaut man auf die Sendungen, die in den ausgestellten Werken zitiert werden, sind zunächst Zweifel berechtigt. Der Trash scheint in besonderem Masse inspirierend. Christoph Schlingensief nimmt die Talkshow-Flut aufs Korn, Julian Rosefeldt schafft eine «Global Soap», indem er die theatralischen Gesten von Akteuren in Daily Soaps aneinanderreiht. Ein kulturübergreifender Atlas der immer gleichen Pathosformeln. Sogar Heidi Klum hat ihren Auftritt. Zu sehen sind nur rote Lippen, die den Satz «Ich habe heute leider kein Foto für dich» immer und immer wieder sprechen. Ein Mantra, das Stefan Hurtig mit hintersinnigem Witz in Szene setzt. Zeit für eine Werbepause. Auch die darf nicht fehlen. Harun Farocki montiert für «Ein Tag im Leben der Endverbraucher» kommentarlos Hunderte von Werbespots, die im Verlauf des Tages über die Mattscheibe flimmern und für die jeweilige Zielgruppe passende Produkt anpreisen. Auf diese Weise entsteht das Porträt des idealen Konsumenten.

Brücke in die Gegenwart

Ausgehend von den 1960er Jahren und den wegweisenden Arbeiten von Nam June Paik schlägt die Ausstellung eine Brücke in die Gegenwart. Viel hat sich seitdem verändert. Nicht nur hinsichtlich der Technik, wie der junge Neuseeländer Simon Denny aufzeigt. Seine Aufreihung verschiedener Fernsehapparate hat etwas von einer Ahnengalerie. Die Digitalisierung und neue Medien bringen weitere Neuerungen.

Der amerikanische Pop-Art-Künstler Tom Wesselmann kombiniert in seinem Gemälde ganz selbstverständlich einen Fernsehapparat mit einem Stillleben. Auch Paul Thek und Fabio Mauri setzen sich in ihrer Malerei mit dem TV-Bild auseinander. Thek versteht seine fernsehbasierten Gemälde als «aufregende Quelle einer neuen Mythologie». Christiane Baumgartner übersetzt die schnellen Bilder in extrem zeitaufwendige Holzschnitte. Wie sehr Fernsehbilder unsere Wahrnehmung und unser Bildgedächtnis bestimmen, wird mehrfach thematisiert. Bruce Connor und Dennis Hopper erinnern an die Ermordung Kennedys, Ulrich Polster in einer für die Ausstellung entstandenen Arbeit an den Jugoslawienkrieg. Der Besucher wird zum Fernsehkonsument. In ihren Arbeiten verdichten die Künstler ihre Seherfahrungen, legen visuelle Codes frei, sorgen für Déjà-vu-Momente. Dabei gelingt es ihnen, selbst Bilder, die schon (zu) oft gesehen wurden, wieder neu sichtbar und erlebbar zu machen.

Ironie und Nachdenklichkeit

Die Schau erzählt von der Verschmelzung von Kunst- und Medienwelt. Christian Jankowski inszeniert seinen Beitrag als Nachrichtensendung. Die Sprecherin stellt die Frage, was der Künstler uns mit seiner Arbeit wohl mitteilen möchte. Um darüber zu philosophieren, kann man es sich auch bequem machen. Tobias Rehberger hat die dazupassenden Sitzlandschaften entworfen. Zahlreiche kunsthistorische Referenzen inklusive. Die Bar, die im Ausstellungsraum aufgebaut ist, ist dagegen nur Staffage. Der Guerilla-Künstler Mel Chin will mit der Installation auf den problematischen Umgang mit Alkohol verweisen. Viele Kunstwerke verbinden Ironie mit Nachdenklichkeit. Eine Qualität, die man im heutigen Fernsehen kaum findet.

Bis 16. Mai, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz; www.kunstmuseum.li