Ein Symposium im Kunstmuseum St.Gallen über die Macht der Kunst

Wie entsteht Mitgefühl und was können Künstler besser als Journalisten? Ein Symposium im Kunstmuseum St. Gallen spürte diesen Fragen nach.

Christina Genova
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Die Teilnehmer des Podiums (von links): Gabriel Hubmann, Francesco Arena, Lorenzo Benedetti, und Candice Breitz. (Bild: Urs Bucher)

Die Teilnehmer des Podiums (von links): Gabriel Hubmann, Francesco Arena, Lorenzo Benedetti, und Candice Breitz. (Bild: Urs Bucher)

Die Wogen des Meeres türmen sich gefährlich vor dem wackeligen Floss. Darauf sind fünfzehn Schiffbrüchige zu sehen – mehr tot als lebendig. Théodore Géricault malte das Gemälde «Das Floss der Medusa» vor genau zweihundert Jahren. Es beruht auf Tatsachen. Die skandalöse Ursache und die erschütternden Begleitumstände des Schiffbruchs wurden damals von Zeitungen aufgedeckt und führten zu einem politischen Skandal.

Für Kurator Lorenzo Benedetti war das Gemälde ein wichtiger Ausgangpunkt für seine Ausstellung «The Humans» im Kunstmuseum St. Gallen. In deren Rahmen fand am Mittwochabend ein Symposium statt. Es war eine Premiere für das Kunstmuseum, wenn auch die Bezeichnung Symposium etwas hochgegriffen war für einen Anlass, der aus einem Vortrag und einer Podiumsdiskussion bestand.

Théodore Géricault malte "Das Floss der Medusa" vor genau 200 Jahren. (Bild: Louvre)

Théodore Géricault malte "Das Floss der Medusa" vor genau 200 Jahren. (Bild: Louvre)

Der Betrachter erleidet Schiffbruch

Diskutiert wurde unter dem Titel «The Humans and the media» die der Ausstellung zugrunde liegende These, dass es Künstlern besser als Medien gelinge, Mitgefühl zu wecken und eine andere Sicht auf die Welt aufzuzeigen. Im ersten Teil des Abends erläuterte der junge Kunsthistoriker Gabriel Hubmann kenntnisreich das Gemälde Géricaults und dessen Bezüge zur Ausstellung. Der Künstler beziehe den Betrachter ins Geschehen mit ein und erzeuge dadurch Empathie: «Das Schicksal der Schiffbrüchigen geht uns unmittelbar nahe.» Weil das Floss in den Vordergrund gerückt sei, meine man, es beinahe betreten zu können. Man schaue in dieselbe Richtung wie die Schiffbrüchigen, die lebensgross seien: «Man tritt ihnen gegenüber.»

Ausserdem zeigte Hubmann auf, dass Géricault für sein Gemälde genau recherchierte und auf Basis dieses Materials – Zeitungsartikel, Berichte von Überlebenden, Lithografien – seine eigene Interpretation schuf. Der Kunsthistoriker plädiert deshalb dafür, das Gemälde als Teil eines Netzwerks unterschiedlicher Medien zu analysieren. Damit differenziert er Benedettis These.

Während Gabriel Hubmanns Vortrag vor vollen Reihen stattfand, verfolgten nur noch wenige Zuhörer das anschliessende Podium in englischer Sprache. Daran nahmen Lorenzo Benedetti als Moderator, Gabriel Hubmann und mit Candice Breitz und Francesco Arena zwei der ausstellenden Künstler teil. Medienvertreter sassen leider keine auf dem Podium, obwohl dies vom Thema her fast zwingend gewesen wäre.

Statistiken statt Individuen

Benedetti zeigte etwas Mühe, die Richtung des Gesprächs zu bestimmen. Ein Dialog wollte nicht so recht aufkommen, geschweige denn eine Kontroverse. Als mühsam erwies sich die Tatsache, dass Francesco Arena kein Englisch spricht und der Moderator dessen italienische Wortmeldungen jeweils übersetzen musste. Die eloquenteste Teilnehmerin des Podiums war Candice Breitz. Die Künstlerin beobachtet bei vielen Leuten eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne. In den Medien gehe es ausserdem häufig um Statistiken und nicht um Individuen. Doch nicht alle Geschichten könnten kurz und knapp erzählt werden.

Filmstill aus« TLDR »von Candice Breitz. (Bild: Candice Breitz)

Filmstill aus« TLDR »von Candice Breitz. (Bild: Candice Breitz)

Entsprechend ausufernd ist die Videoinstallation über Sexarbeiterinnen aus Südafrika, die Breitz im Kunstmuseum zeigt. Deren Titel «TLDR» steht für «too long; didn’t read». Es ist Internetslang und bedeutet, dass man einen Text aufgrund von dessen Länge nicht gelesen hat. Die Frage sei, wie man unter diesen Umständen eine Kultur des Mitgefühls aufrechterhalten könne. Als Beispiel erwähnt sie ihre Videoinstallation «Love Story». Die Hollywoodschauspieler Alec Baldwin und Julianne Moore leihen darin Geflüchteten ihre Stimme und erzählen deren Geschichten. Im angrenzenden Raum sieht man die Geflüchteten selbst über ihr Schicksal berichten. Wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit? Für diese Frage wolle sie die Menschen sensibilisieren, sagt Breitz.

Skulptur Passo von Francesco Arena (Bild:PD/Sebastian Stadler)

Skulptur Passo von Francesco Arena (Bild:PD/Sebastian Stadler)

Auch Francesco Arena versucht mit seiner Kunst, Beziehungen herzustellen. Seine minimalistische Bronzeskulptur «Passo» besteht aus einem Quader, dessen Länge einem Schritt des Künstlers entspricht. Die darauf gravierte Zahl 25000 ist die Anzahl Schritte, welche Flüchtlinge zu Fuss von Budapest zur österreichischen Grenze zurücklegen mussten. Die Skulptur mache die Mühsal des Fussmarsches bewusst: «Zu Fuss gehen ist etwas anderes als das Flugzeug zu nehmen.»

Der Faktor Zeit

Candice Breitz sieht Arenas Arbeit als Schlüssel der Ausstellung: Die Frage sei, wie man als Künstler die Distanz zwischen Menschen überwinden könne. So entstehe Empathie. Bei allem Engagement bleibt Breitz jedoch pragmatisch. Sie glaube zwar an die Macht von Kunst: «Ich denke aber nicht, dass Künstler Revolutionen machen können.» Es seien langsame Prozesse und insgesamt hätten nur wenige Personen Zugang zu Museen. Schliesslich bricht noch jemand aus dem Publikum eine Lanze für die Journalisten: Sie seien den Künstlern eigentlich sehr ähnlich. Der Unterschied sei, dass Letztere mehr Zeit für ihre Arbeit hätten.

«The Humans», bis 17. 3.