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Interview

Kuratorin Lyriktage Frauenfeld: «Die Lyrik ist nicht kleinzukriegen»

Die Kuratorin der Lyriktage Frauenfeld, Anna Kulp, hat eine Mission: Die angeblich weltfremde, elitäre Poesie aus der Ecke holen. Mit Stimmen aus unterschiedlichen Generationen und durch die Einbindung der Bildenden Kunst hofft sie, das Programm abwechslungsreicher und spannender zu gestalten.
Interview: Charles Linsmayer
Anna Kulp stellt das Programm der diesjährigen Frauenfelder Lyriktage zusammen. (Bild: Christoph Küenzi, Mediacheck)

Anna Kulp stellt das Programm der diesjährigen Frauenfelder Lyriktage zusammen. (Bild: Christoph Küenzi, Mediacheck)

Die 15. Frauenfelder Lyriktage finden vom 13. bis 15.September im Eisenwerk Frauenfeld statt. Die in Zürich und Konstanz lebende Kommunikationsfachfrau Anna Kulp leitet den Anlass zum zweiten Mal. 2019 hat sie Beat Brechbühl, John Burside, Zsuzsanna Gahse, Jürg Halter, Anja Kampmann, Sepp Mall, Marina Skalova und die ­Künstlerin Nicole Bachmann eingeladen.

Erstmals in der Geschichte der Frauenfelder Lyriktage kuratieren Sie zwei Ausgaben hintereinander. Waren die von Ihnen geleiteten Lyriktage von 2017 besonders erfolgreich?

Anna Kulp: So formuliert klingt das sehr schmeichelhaft. Bereits im Laufe der Arbeit an den Lyriktagen 2017 entstanden neue Ideen, und in der Durchführung haben wir noch Verbesserungspotenzial gesehen. Es ist grossartig, das jetzt auch umsetzen zu können.

2019 wollen Sie vor allem neue Lust auf das Lesen von Gedichten wecken.

Durch die Stimmen aus unterschiedlichen Generationen und durch die Einbindung der Bildenden Kunst hoffe ich, das Programm abwechslungsreicher und spannender zu gestalten.

Wie weit fühlen Sie sich als Kuratorin noch der Tradition verpflichtet, die Beat Brechbühl und Jochen Kelter 1991 begründet haben?

Ich wusste wenig von der Tradition, als ich 2016 die Anfrage bekam. Internationale Gäste, neue Stimmen, Schweizer Schwerpunkt, gute Gespräche auf und neben der Bühne, das sind alles Dinge, die damals wie heute eine literarische Veranstaltung erfolgreich werden lassen. Bei den Vorbereitungen auf die kommenden Lyriktage habe ich im Gespräch mit Beat Brechbühl festgestellt, dass die Ziele, die damals verfolgt wurden, heute noch die gleichen sind: Die Poesie aus der Ecke holen, in der sie bei vielen immer noch steht, weil sie angeblich weltfremd, unverständlich und elitär ist.

28 Jahre Frauenfelder Lyriktage: Ein Rückblick

Sie wollten «das Stiefkind Lyrik ins Rampenlicht stellen», verkündeten Beat Brechbühl und Jochen Kelter, als sie 1991 zu den ersten ­«Frauenfelder Lyriktagen» ins Eisenwerk luden. Sarah Kirsch, Mo­nique Laederach, Alfred ­Kolleritsch und Urs Allemann ­traten auf. Es begann mit einem Eklat, als um ihre Babys ­besorgte Frauen den Saal mit Megafon und Trillerpfeifen stürmten, um gegen Allemanns skandal­trächtiges Buch «Babyficker» ­ zu protestieren.

In der Folge ­wickelte sich die Veranstaltung alle zwei Jahre geruhsamer und trotz Auftritten lyrischer Schwergewichten wie Ernst Jandl, Charles ­Simic, Inger Christensen oder Galsan Tschinag mit ­ständig nachlassendem Besucherinteresse ab. 2003 traten Brechbühl und Kelter enttäuscht zurück, die Ära der Gastkuratoren begann.

Klaus Merz lud 2005 Raoul Schrott und Sepp Mall ein, Markus Bundi 2007 Nora Luga, Claire Krähenbühl und Werner Lutz, Raoul Schrott 2009 Zsuzsanna Gahse, Arno Camenisch und Michael Krüger, Anja Utler 2011 Dragana Mladenovic, Christoph Meckel und Nico Bleutge, Nora Gomringer 2013 eine reine ­Männerriege mit Uetz, Urweider, Stauffer und Lenz. 2015 bat Urs Engeler ­Michael Fehr, Birgit Kempker, Dagmara Kraus und ­ Bo Wiget zur «Poetry Performance».

2017 kuratierte Anna Kulp, die dies auch 2019 wieder übernimmt, und wollte mit ­zeitgenössischer Dichtung und Svenja Herrmann, Thilo Krause, Dragica Rajcic, Elisabeth Kinsky, Elisabeth Wandeler-Deck das Bewusstsein für Sprache ­schärfen.

Über 100 lyrische Stimmen waren seit 1991 in Frauenfeld ­ zu hören. Das Forum wandelte sich von der Präsentation von Berühmtheiten zu einem innovativen, sich stets neu erfindenden Experimentierfeld. Immer noch aber gilt, was der ­Amerikaner Mark Strand 2001 ­ in Frauenfeld sagte: «Gedichte liest man nicht, um den Sinn der eigenen Erfahrung von Welt zu überprüfen, sondern weil man sich an ihnen nicht satthören kann.» (Charles Linsmayer)

Aus Schottland kommt John Burnside, aus Südtirol Sepp Mall, beide Jahrgang 1955. Was gefällt Ihnen an den beiden?

John Burnside ist vielleicht einer der besten lebenden europäischen Dichter, Sepp Mall, der auf Einladung von Zsuzsanna Gahse nach Frauenfeld kommt, war für mich eine Entdeckung. Seine feine Lyrik hat «Bodenhaftung».

Christian Uetz und Jürg Halter sind zwei Vertreter der Slam-Poesie. Wie beurteilen Sie die Chancen dieser neuen Möglichkeiten?

Die Ursprünge der Lyrik liegen im mündlichen Vortrag. Der Anknüpfungspunkt liegt also deutlich weiter zurück, wenn schon nicht bei den Griechen und im Minnesang, dann bei den Beat-Poeten und bei der Kuratierung von Nora Gomringer 2013. Die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene, die eine der grössten weltweit ist, ist vielfältig, da gibt es natürlich viele, die dort beginnen. Heute sehe ich Christian Uetz und Jürg Halter nicht mehr als Vertreter der Spoken-Word-Bewegung, sondern als Lyriker mit herausragender Auftrittskompetenz.

Mit Nicole Bachmann laden Sie erstmals eine Künstlerin an die Lyriktage ein. Braucht das Festival eine solche Erweiterung?

Nicole Bachmann arbeitet mit Sprache, mit Klang, mit allen Möglichkeiten der Kommunikation. Insofern sind wir also «bei unseren Leisten» geblieben und vertrauen absolut auf das Wort. Was die Bildende Kunst der ­Lyrik voraus hat, ist die Art der Rezeption: Niemand hat den Anspruch, ein Werk der Bildenden Kunst «zu verstehen», wir lassen uns darauf ein.

Dieses Jahr findet die 15. Aus­gabe statt, 2021 werden die Lyriktage 30 Jahre alt. Ist das Unternehmen nach wie vor ein Format mit Zukunft?

Die Frauenfelder Lyriktage ­haben durch die Trägerschaft durch die Kulturstiftung des Kantons Thurgau einen guten Boden und sind organisatorisch schlank und effizient aufgestellt. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen also schon mal. Die Lyrik ist nicht kleinzukriegen, Inhalte wird es also auch immer geben. Doch was das Wichtigste ist: Ich glaube, dass die intensive Auseinandersetzung mit Sprache, die Lyrik einfordert, etwas ist, was uns hilft, die tatsächliche und moralische Komplexität unserer Zeit zu verstehen und auszuhalten. Also ein klares Ja zu Ihrer Frage!

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