Die Lust des Kindes an der Rebellion

Am Theater Winterthur haben morgen zwei vom Opernhaus Zürich verantwortete Opern von Maurice Ravel Premiere. Sie zeigen ihn als einen Meister des Kindlichen – und des Erotischen.

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«L’Heure espagnole», eine von vier Männern begehrte Frau. (Bild: Monika Ritterhaus)

«L’Heure espagnole», eine von vier Männern begehrte Frau. (Bild: Monika Ritterhaus)

Uhren überall. Kleine und grosse, mit Kreide auf die schwarze Kulisse gemalt, und zwei Stand­uhren, die hereingebracht oder hinausgeschleppt werden. Wir befinden uns im Uhrenladen von Torquemada, das Stück spielt im spanischen Toledo. Der Hausherr ist gerade abwesend; jeden Donnerstag zur Mittagszeit zieht er im Auftrag der Stadt sämtliche Uhren des Ortes auf. Einen Kunden, den Maultiertreiber Ramiro, hat er gebeten, zu warten. Was Conception, seiner Frau, gar nicht recht ist. Sie plant ein Schäferstündchen mit Gonzalve, ihrem Liebhaber. Doch noch ein anderer taucht ungebeten auf: Don Inigo Gomez, der Bankier, der ist auch hinter der attraktiven Frau her.

Eine Komödie mit präzisem Timing

1907 hat Maurice Ravel diese erotische Komödie komponiert, in der sich alles um Uhren dreht. «L’heure espagnole» (Die spanische Stunde) löste damals höchst zwiespältige Reaktionen aus und vermag noch heute durch die Verbindung tänzerischer Rhythmen mit uhrwerkhafter Präzision zu faszinieren. Selbst in der Klavierprobe am Theater Winterthur ist der Reichtum von Ravels Musik zu spüren, ihr Witz und ihre Ironie. Auf der Bühne agieren fünf Mitglieder des Internationalen Opernstudios: Carmen Seibel als Conception, Trystan Llyr Griffiths als Gonzalve, Gyula Rab als Torquemada, Huw Montague Rendall als Ramiro und Ildo Song als Don Inigo Gomez.

Das Opernhaus Zürich wird das Stück morgen Donnerstag zusammen mit einer zweiten Kurzoper Ravels, «L’enfant et les sortilèges» (Das Kind und die Zauberdinge), zur Premiere bringen. Im Orchestergraben wird das Musikkollegium Winterthur sitzen. Jan Essinger, der Regisseur, unterbricht an diesem Morgen mehrmals für kurze Besprechungen mit dem Bühnenpersonal. Die Handlung ist verwickelt, sie erfordert ein genaues Timing der fünf Darsteller, die sich zwar mit Lust ihrer Aufgabe annehmen – aber doch auch immer wieder Problemen begegnen: «Wir hatten gestern Klavierhauptprobe», erklärt Jan Essinger kurz darauf in der Mittagspause. «Bis zu ihr muss man immer all die technischen Fragen und Abläufe regeln. Das lief ziemlich geschmeidig durch, und heute wollten wir noch zwei, drei Sachen verbessern – wodurch dann wieder neue Schwierigkeiten entstanden sind. Deshalb mussten wir einiges ausprobieren, denn heute Abend kommt das Orchester dazu, da sollte alles sitzen.»

Das Kind wird wütend, die Welt schlägt zurück

Maurice Ravel ist 32 Jahre alt, als er «L’heure espagnole» kom­poniert. Einem anderen Ravel begegnet man fast zwanzig Jahre später in «L’enfant et les sorti­lèges». «L’heure» sei musikalisch nicht so farbenreich, aber in seiner Uhrenhaftigkeit raffiniert gemacht, sagt Essinger. «Das Stück will nicht mehr, als es gegen aussen zeigt. Dann aber erwartet uns in ‹L’enfant et les sortilèges› die Geschichte eines Kindes, das eine Art Pubertät durchläuft. Das gegen Grenzen und starre Ordnungen rebelliert.»

Sein Zorn richtet sich auf Dinge und Tiere, das Kind zerschlägt Geschirr, es quält Tiere, macht die Standuhr kaputt und zerreisst seine Schulhefte. «In dieser ­Rebellion steckt Lust», erzählt Jan Essinger. «Dann schlägt die Welt zurück. Die Dinge werden ­lebendig, die Tiere beginnen zu ­sprechen. Und am Ende wird das Kind in die Gemeinschaft auf­genommen. Darin steckt eine tiefere Botschaft.»

Zu Beginn habe er nach Vereinbarkeiten zwischen den beiden Stücken gesucht – aber dann doch zuerst nach einem Zugang zu «L’enfant et les sortilèges» als dem komplexeren Stück. «Wofür stehen diese Dinge, haben wir uns gefragt. Mehr möchte ich nicht verraten.»

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Morgen Donnerstag, 19.30 Uhr, Theater Winterthur