Wie ein Schweizer aus einer Bieridee ein Literaturfestival im Schwarzwald schuf 

Im Hochschwarzwald ist wieder Lesezeit. Die von Hansjörg Schneider initiierten Literaturtage Todtnauberg feiern ihre 15. Auflage – mit grosser Schweizer Beteiligung.

Annette Mahro
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Literatur mit Schweiz-Sicht: Franz Hohler las 2014 vor schönster Wetterkulisse. (Bild: Heribert Wunderle)

Literatur mit Schweiz-Sicht: Franz Hohler las 2014 vor schönster Wetterkulisse. (Bild: Heribert Wunderle)

Zur Institution geworden ist das Todtnauberger Literaturfest längst, das von Freitag bis Sonntag mit überschaubaren neun Lesungen aufwartet und am Winterfeuer auf dem 1150 Meter hohen Radschert gipfelt. Ein Grossteil der Gäste bleibt das ganze Wochenende über, viele kommen seit Jahren. Bewusst ist zwischen den Veranstaltungen Zeit gelassen für Gespräche und am Abend auch für ein Glas Wein, genossen inmitten einer locker verschworenen Leserschaft. Mit aus der Taufe gehoben hat die Literaturtage 2005 der gebürtige Aargauer Hansjörg Schneider. Bis heute ist er so etwas wie ihr Spiritus Rector.

«Ich hatte eigentlich schon lange gedacht, dass ich meine Kollegen einmal hier herauf einladen möchte», erinnert sich der Autor, der seit Jahren teils in Todtnauberg, teils in Basel lebt. Besonders schätzt er auf dem Berg die dunkle Jahreszeit, zu der es immer halb leer sei. «So richtig schön eben», schmunzelt Schneider.

Eine Bieridee im «Engel»

Am Anfang stand, was er ebenso fröhlich «eine Bieridee» nennt. Stammtisch-Kollegen aus seinem Haushotel, dem «Engel», in dem er auch seine berühmteste Figur, den Kommissär Hunkeler, schon absteigen liess, hatten ihn einst spontan zu einer Lesung ins nahe Freiburg im Breisgau begleitet und danach befunden: «Das könntest du eigentlich auch einmal hier oben machen.»

Dass keine drei Monate später schon die ersten Literaturtage auf den Berg kamen, ist dem harten Kern der ersten Stunde zu danken. Aktiv mit dabei sind bis heute Iris Boch als Vertreterin der Hoteliersfamilie und der Todtnauberger Hans Gelpcke, der sich vor dem Start eines alten Schulkameraden erinnerte: Bodo Kirchhoff. Keine schlechte Adresse zum Auftakt. Die anderen brachte Schneider, Franz Hohler etwa, der zur Premiere auf dem Radschert las.

Das Konzept der Literaturtage in dem sonnigen Schwarzwaldhochtal, das bei entsprechendem Wetter den Blick auf die Alpen freigibt und in das sich einst schon der Philosoph Martin Heidegger zum Denken zurückgezogen hatte, ist seitdem nahezu unverändert.

So war die Auftaktlesung bisher das Privileg Hansjörg Schneiders, der 2018 geradewegs von der Verleihung der Ehrendoktorwürde an der Universität Basel kam. Dieses Jahr muss er sich krankheitsbedingt leider kurzfristig vertreten lassen.

Bei Schneetreiben oder Traumsicht

Am Samstagnachmittag folgt traditionell die Lesung auf dem Berg, die sich trotz Winterfeuer, mitgebrachten Decken und Glühwein nur für diejenigen empfiehlt, die allen Wettern zu trotzen wissen. Wer nicht heraufkommt, war aber sozusagen auch nicht dabei. Nebel gab es schon und Schneegestöber, aber auch traumhafte Weitsicht, tief unten im Tal liegende Wattewolken und Alphornbläser als Dreingabe. Die gibt es allerdings immer.

In Erinnerung geblieben sind unter anderem Urs Widmer, Alex Capus oder im letzten Jahr Peter Stamm, der kurz zuvor den Schweizer Buchpreis bekommen hatte. Bei anderen, etwa Hertha Müller, von Schneider angefragt, bevor sie den Nobelpreis gewann, war das Wochenende leider schon belegt. Thomas Hürlimann kam dagegen ebenso wie Peter Bichsel oder, ebenfalls 2018, Martin Suter. Von wieder anderen, etwa dem diesjährigen Büchner-Preis-Träger Lukas Bärfuss, kam nie eine Antwort. Schade eigentlich. Auch selten gehörte Namen gehören zum Konzept. «Die Leute schätzen das, wenn sie selber etwas entdecken können», erklärt Schneider.

Alle Jahre wieder sind die Autoren samt Anhang übers Wochenende Gäste des «Engels», was zur Atmosphäre beiträgt, aber auch zur Finanzierung. Die Eintritte, selbst wenn es 2018 rekordverdächtige 1500 waren, reichten dafür nicht aus. Froh ist man deshalb über Sponsoren wie die Stiftung Pro Helvetia, die Schweizer oder in der Schweiz lebende Autoren im Ausland fördert und deren Honorare übernimmt. Ein rein eidgenössisches Lesefest sind die Literaturtage aber nicht und auch die Besucher kommen von beiden Seiten der Grenze. Am Wochenende ist es wieder so weit. Der Berg ruft.

Programm 

Die 15. Ausgabe findet statt vom Freitag, 29. November, bis Sonntag, 1. Dezember. 
Lesungen (Auswahl): Anstelle von Hansjörg Schneider liest zum Auftakt Simone Lappert aus ihrem zuletzt für den Schweizer Buchpreis nominierten Roman «Der Sprung» (Freitag, 15 Uhr im «Engel»). 
Auf den Radschert kommt am Samstag der in Masuren geborene Artur Becker mit «Drang nach Osten» (15.30 Uhr). Am Abend folgt im Kurhaus Lukas Hartmann, der in «Der Sänger» die Fluchtgeschichte eines jüdischen Tenors aus dem Jahr 1942 nacherzählt (20.30 Uhr). 
Im Kurhaus liest am Sonntag (11 Uhr) auch Ruth Schweikert aus ihrem jüngsten Werk «Tage wie Hunde». 
Das ganze Programm: www.hochschwarzwald.de/Literaturtage)