«Die Linie ist eine Kraft»

Das Zürcher Museum Bellerive zeigt Interieurs des belgischen «Alleskünstlers» Henry van de Velde. Der Pionier der Moderne befreite das Design vom Mief des Historismus. Der Ausstellung hätte jedoch etwas mehr Sinnlichkeit gut getan.

Christina Genova
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Blick ins Esszimmer des Wohnhauses «Hohe Pappeln» in Weimar. Es wurde von Henry van de Velde für seine Familie geplant und eingerichtet und ist heute ein Museum. (Bild: pd/Jens Hauspurg)

Blick ins Esszimmer des Wohnhauses «Hohe Pappeln» in Weimar. Es wurde von Henry van de Velde für seine Familie geplant und eingerichtet und ist heute ein Museum. (Bild: pd/Jens Hauspurg)

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Henry van de Velde heute als genialer Architekt und Gestalter des Jugendstils gefeiert wird. Denn für seine eigenen Entwürfe lehnte der 1863 geborene Belgier diese Bezeichnung rundweg ab. Was man heute gemeinhin unter Jugendstil versteht, war ihm ein Greuel: «Die Zeit des Ornaments aus Blüten und Weibern ist vorbei», soll er gesagt haben.

Meereswellen als Inspiration

Zurzeit kann man im Zürcher Museum Bellerive dem «Alleskünstler» Henry van de Velde begegnen: Zwar dominieren die Möbel, doch in der Vielfalt der 260 Objekte, vom Brieföffner über Porzellan hin zu Leuchtern und Vorhangstoffen, zeigt sich der allumfassende Gestaltungswille des Designers.

Betrachtet man van de Veldes Entwürfe, versteht man, was er mit seiner Maxime «Die Linie ist eine Kraft» meinte. Die geschwungene Linie ist das Markenzeichen des Designers. Sie verleiht seinen Möbeln Leichtigkeit und Eleganz. Beobachtungen der Wellenbewegungen an der flämischen Küste haben ihn dazu inspiriert. Van de Velde war davon überzeugt, dass die Funktion eines Gegenstandes seine Form bestimmen sollte; dessen Zweckmässigkeit steht immer an erster Stelle. Ornamenten misstraute der Gestalter zutiefst.

Zum ersten Mal kann van de Velde seine Vorstellung von einer vernunftgemässen und schlichten Gestaltung beim Bau und der Inneneinrichtung seines eigenen Wohnhauses demonstrieren. 1895 bezieht Henry van de Velde mit seiner Frau Maria Sèthe das als Gesamtkunstwerk konzipierte Haus «Bloemenwerf» in Uccle bei Brüssel. Die sonst üblichen repräsentativen Räume fehlen, wie überhaupt jeglicher Prunk. Jedes Detail war von van de Velde gestaltet und aufeinander abgestimmt worden, von den Lampen über die Türgriffe bis hin zur Kleidung seiner Frau. Fotos und mehrere Originalmöbel aus «Bloemenwerf» veranschaulichen dies in der Ausstellung.

Für Arbeiterfamilien zu teuer

Insgesamt ist die Szenographie der Bellerive-Schau jedoch wenig überzeugend. Die Exponate werden wie in einem Möbellager präsentiert, die kleinformatigen historischen Schwarz-Weiss-Aufnahmen der Originalintérieurs lassen keine Sinnlichkeit aufkommen.

Ebenfalls vermisst man Bezüge zur Vergangenheit. Denn erst Vergleiche mit den damals üblichen dunklen Räumen mit ihren historisierenden Inneneinrichtungen, den schweren, unpraktischen Möbeln, dem Plüsch und dem Nippes machen bewusst, wie radikal sich van de Velde mit seinen Entwürfen davon abgrenzte und wie wegweisend er als Gestalter für die Moderne war. Er war es auch, der 1915 den damals noch wenig bekannten Architekten Walter Gropius als seinen Nachfolger in der Leitung der Weimarer Kunstgewerbeschule empfahl. Gropius gründete dort 1919 das Bauhaus.

In einer Hinsicht ist Henry van de Velde jedoch gescheitert. Obwohl er «die Welt von ihrer Hässlichkeit befreien» wollte, waren seine Inneneinrichtungen und Häuser nur für sehr Vermögende erschwinglich. Van de Velde machte bei Material und Handwerk keine Kompromisse und setzte nur auf die beste Qualität. Dies schmälert jedoch keineswegs das Werk dieses visionären Designers, der seiner Zeit voraus war.

Museum Bellerive Zürich, bis 1.6.2014.