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Die Liebe ist alles, was sie haben

Der Autor James Baldwin war einer der prägendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist einer seiner Romane verfilmt worden. Am Donnerstag kommt «If Beale Street Could Talk» von Barry Jenkins ins Kino.
Regina Grüter
Eine Liebe, seit Kindertagen gewachsen: Tish (Newcomerin Kiki Layne) und Fonny (Stephan James). (Bild: Annapurna Pictures)

Eine Liebe, seit Kindertagen gewachsen: Tish (Newcomerin Kiki Layne) und Fonny (Stephan James). (Bild: Annapurna Pictures)

«If Beale Street Could Talk» ist eine Liebesgeschichte, eine spezifisch afroamerikanische. Regisseur Barry Jenkins («Moonlight») erste englischsprachige Verfilmung eines Romans des schwarzen Schriftstellers und Bürgerrechtlers James Baldwin ist einzuordnen in ein Revival dessen Werks, das mit Ta-Nehisi Coates’ «Zwischen mir und der Welt» (2015) begann und mit Raoul Pecks Oscar nominiertem Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» (2016) weitergeführt wurde.

Sie haben beide gezeigt, wie aktuell Baldwins Denken heute wieder oder immer noch ist. Coates, einer der wichtigsten afroamerikanischen Intellektuellen der Gegenwart, schrieb 2017 im Vorwort zu Toni Morrisons «Die Herkunft der Anderen»: «In den vergangenen Jahren sind wir mit einer nicht endenden Reihe von Videos konfrontiert worden, in denen zu sehen war, wie amerikanische Polizisten schwarze Mitbürger wegen relativ harmloser Vergehen oder gar völlig grundlos verprügeln, würgen, mit Elektroschockern traktieren oder niederschiessen.»

Wahrhaftiges ­ Familienbild

Der Tod sei nichts weiter als das extremste Beispiel dessen, was es bedeute, sein Leben als jemand zu verbringen, der «anders» ist, der jenseits der Grenzen einer grossen Zugehörigkeit existieren müsse, schreibt Coates weiter. In Buch, erschienen 1974, und Film ist es das Gefängnis. Der 22-jährige Fonny (Stephan James) wird zu Unrecht einer Vergewaltigung beschuldigt. Ihre Geschichte wird aus der Perspektive seiner Verlobten, der 19-jährigen Tish (Kiki Layne), erzählt, die von Fonny ein Kind erwartet. Der strukturelle Rassismus ist etwas, womit die Familien von Tish und Fonny jeden Tag leben müssen, ob in Harlem oder Downtown, wo sich das Liebespaar eine gemeinsame Wohnung sucht. Es ist besonders Tishs Familie, die alle Hebel in Bewegung setzt, um Fonny, den sie von Kindesbeinen an kennen, aus dem Gefängnis zu holen – Mutter Sharon (Regina King, Oscar nominiert), Vater Joseph (Colman Domingo) und Schwester Ernestine.

Für alle am Film Beteiligten war die erste Berührung mit James Baldwins Werk prägend. «Er hat gezeigt, dass unsere Geschichten und unsere Worte eine Bedeutung haben. Und er hat gezeigt, dass alle Menschen miteinander verwandt sind», sagt Brian Tyree Henry («Paper Boi» in Donald Glovers Serie «Atlanta») in der Rolle von Fonnys Freund Daniel. Was sie an «If Beale Street Could Talk» am meisten anspricht, ist dieses wahrhaftige Bild einer durchschnittlichen schwarzen Familie.

Zelebrierte ­ Langsamkeit

Die Kamera bewegt sich sehr langsam. Manchmal tanzt sie einen Slow Dance, kreist um Tish und Fonny und betont ihre Einheit und die Reinheit ihrer Liebe. Es gibt sehr viel Gelb im Film, aber auch Rot, Grün und Blau. In den Gefängnisszenen, die Trennwand zwischen den beiden Liebenden, sind die Farben etwas zurückgenommen. Musik, Kamera, Schnitt – das «Moonlight»-Team ist wieder am Werk und erzeugt zeitweise dieselbe hypnotische, hochemotionale Stimmung. Die Unterdrückung und Gettoisierung der Schwarzen – das Drogenelend im Harlem der 70er-Jahre, Polizeigewalt, Sklaverei – wird in Schwarzweissbildern am Anfang und am Schluss explizit.

Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins hält sich unbestritten sehr eng an die Vorlage. Er lässt Tish die Voice-over sprechen, die Zeilen eins zu eins aus dem Buch. Er hat die komplizierte Rückblendenstruktur zurück bis in die Kindheit übernommen und Schlüsselszenen ausgewählt. Auch die Dialogzeilen sind meist genau Baldwin. Doch in der notwendigen Verkürzung und Verdichtung ging etwas verloren: Das Buch ist insgesamt lockerer und frecher. Die Sprache der Figuren ist verspielter, sprüht immer wieder vor Schalk und Ironie. Und der Satz «I love you» fällt im Film eindeutig zu oft. Tish und Fonny sind sich ihrer gegenseitigen Liebe so sicher, sie müssen sich das nicht die ganze Zeit sagen. Die grösste Freiheit hat sich Jenkins in Bezug auf das Ende genommen. Da hat er eine – leider – realistischere Möglichkeit vorgezogen.

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