Die Liebe der Eltern

Peter Liechti präsentiert Vaters Garten im Forum der Berlinale als Weltpremiere. Das Publikum reagierte mit warmem Applaus.

Doris Senn
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Peter Liechti: Szene aus «Vaters Garten», der an der Berlinale uraufgeführt wurde. (Bild: pd/berlinale)

Peter Liechti: Szene aus «Vaters Garten», der an der Berlinale uraufgeführt wurde. (Bild: pd/berlinale)

«Ich entdeckte meinen Vater per Zufall auf der Strasse.» So beginnt Peter Liechtis Film über seine Eltern, nachdem er viele Jahre keinen Kontakt zu ihnen hatte. Sie trafen sich zufällig in der Heimatstadt St. Gallen.

Max und Hedy

So entstand in zwei Jahren und zwanzig Gesprächen der Film «Vaters Garten»: geplant als «Familientribunal», wie es der Regisseur nennt, aus dem dann aber ein Porträt über die Eltern wurde – verbunden mit einem kleinen Stück Aussöhnung. Zwischen zwei Generationen, zwei Zeitepochen. Ein Film, der nichtsdestotrotz weniger vom Verhältnis Sohn/Eltern handelt als vielmehr von Max und Hedy, ihrer Beziehung, der Zeit, in der sie gross wurden, eine Familie gründeten – und dem Heute: dem Alter, der Nähe zum Tod. «Die Liebe meiner Eltern» heisst denn auch der mehrdeutige Untertitel des Films.

«Was für eine Frage»

Der vielfach preisgekrönte Regisseur («Signers Koffer», «The Sound of Insects») entblättert behutsam, aber direkt mit seinen Fragen aus dem Off die Persönlichkeiten hinter Vater und Mutter. «Um Himmels willen, was für eine Frage», meint Hedy zu Beginn des Gesprächs – entzieht sich aber keiner noch so persönlichen Fragestellung. Max und Hedy – ein typisches Paar für die Schweiz jener Zeit, rechtschaffen-kleinbürgerlich halt, unauffällig. Der Film zeigt sie in ihrem Alltag, zu Hause, beim Einkaufen, beim Arzt, im Garten. Lässt ihr Leben im Gespräch Revue passieren – anrührend nah.

Die Schrebergarten-Welt

Heute besteht die Welt des Vaters, der bald 90 wird, in erster Linie aus seinem Schrebergarten: seinen Himbeeren, den Osterglocken, den Buschbohnen, den Tomaten. Dann sind da noch die Vereine, das Turnen, das Kegeln und die Kollegen. Die Welt der Mutter ist eher klein: Sie hat kaum Freundinnen. Ihr Universum ist die Bibel – ihre Hoffnung, das Eingehen ins himmlische Paradies. Max und Hedy: einsam zu zweit. Und das seit langem.

Die Spannungen zwischen Sohn und Eltern, wo jeder Besuch ein Konfliktherd war, gehören der Vergangenheit an: Man entfernte sich voneinander, brach den Kontakt ab und umging so die ewigen Streitereien. Der Vater mit seiner patriarchal-konservativen Haltung lässt bis heute kaum eine andere Meinung gelten.

Die Mutter hat sich angepasst, bezahlt dies aber mit gedämpfter Lebensfreude. Dass dem Regisseur in seinem Film die so heikle Gratwanderung einer einfühlsamen Annäherung gelingt, ist dem trotz allem grossen Vertrauen zwischen den Parteien zu verdanken – sowie einem Kunstgriff: Liechti durchbricht die dokumentarischen Bilder mit einem Puppentheater, in dem die Eltern als zwei Plüschhasen auftreten, welche die Fragen des Sohns beantworten.

Heiterer Unterton

Was auf den ersten Blick skurril anmutet, entpuppt sich als wohltuender Verfremdungseffekt: Die Langohr-Figuren verleihen dem Film eine liebevolle Komik und einen heiteren Unterton – lösen die Fragen und Antworten aus dem kleinen Kreis der Familie zu etwas Universellerem. Davon zeugte nicht zuletzt die Reaktion des Berliner Publikums, das den Film begeistert und mit warmem Applaus aufnahm.