Die letzten Tage der Mörderin

Am 12. Januar 1828 werden Fridrik Sigurdsson und Agnes Magnúsdottir als letzte Menschen in Island hingerichtet. Ihnen wird zur Last gelegt, zwei Männer erstochen und erschlagen und hinterher den Hof in Brand gesteckt zu haben.

Valeria Heintges
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Hannah Kent: Das Seelenhaus, Droemer Knaur 2014, 383 S., Fr. 29.90

Hannah Kent: Das Seelenhaus, Droemer Knaur 2014, 383 S., Fr. 29.90

Am 12. Januar 1828 werden Fridrik Sigurdsson und Agnes Magnúsdottir als letzte Menschen in Island hingerichtet. Ihnen wird zur Last gelegt, zwei Männer erstochen und erschlagen und hinterher den Hof in Brand gesteckt zu haben.

Auf historischen Fakten

«Sie sagen, ich soll sterben.» Mit diesem Satz lässt die Australierin Hannah Kent ihren Roman «Das Seelenhaus» beginnen, in dem sie atmosphärisch und packend die letzten Wochen im Leben der Agnes Magnúsdottir aufleben lässt. Dafür mischt sie historische Briefe, Akten, Sagen und Lieder mit erfundenem, aber auf den Fakten basierenden Passagen, in denen entweder Agnes oder ein unabhängiger Erzähler das Wort ergreift.

So zeigt Kent ein Island, das beherrscht ist von Armut, Hierarchie und dem Kampf ums nackte Überleben. Wer, wie Agnes, Fridrik oder all die anderen Mägde und Knechte in die Unfreiheit geboren wird, hat fast keine Chance, da jemals wieder herauszukommen.

Der Alltag der Dienstboten, aber auch der Bauern wird beherrscht von schwerer körperlicher Arbeit im Sommer und langen, dunklen Nächten im Winter. Das Leben in den Torfhäusern mag heute für Touristen idyllisch aussehen, aber im Innern war es dunkel, eng, eiskalt und feucht. Und manche Höfe liegen so einsam, dass sie bei starkem Schneefall tagelang nicht zu erreichen sind.

Agnes wird auf den Kornsáhof geschickt, um dort die Tage vor der Hinrichtung zu verleben. Die Nachricht, dass sie monatelang mit einer Mörderin unter einem Dach leben müssen, ist ein Schock für die Bauersleute Jón und Margrit und ihre Töchter Lauga und Steina. Doch dann erscheint Agnes, ein dreckstarrendes Bündel, verlaust und an Leib und Seele verwundet.

Auch die historische Agnes Magnúsdottir erbat von Vikar Thorvadur Jónsson geistigen Beistand. Der ist jung und völlig unerfahren – aber er schafft es, sich unbefangen der schweigsamen Frau zu nähern und geduldig zuzuhören, wie sie nach und nach ihr Leben schildert.

Die Einsamkeit Islands

In der amerikanischen Ausgabe, die unter dem Titel «Burial Rites» bei Picador erschien, berichtet Kent, wie sie als 17jährige Austauschschülerin im abgelegenen Ort Saudarkrokur die Einsamkeit der isländischen Landschaft zu spüren bekam. Bei einem Ausflug zeigte man ihr den Ort, an dem Agnes Magnúsdottir geköpft wurde. Die Geschichte liess sie nicht mehr los. Faszinierend gelingt es ihr zu zeigen, wie sich Agnes öffnet, wie sie mit der Angst, der Schuld und ihren Erinnerungen kämpft. Kent spricht sie nicht frei, zeigt sie aber als vielschichtige, schwierige Persönlichkeit, von unerbittlichen Lebensumständen geprägt. Der Text wurde von Leonie von Reppert-Bismarck und Thomas Rütten in archaisch-kräftiges Deutsch übertragen.