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Kunst ist ihr Jugendelixir: Die bekannte Schweizer Kuratorin Bice Curiger wird siebzig

Die Kunsthistorikerin blickt auf eine bemerkenswerte Karriere zurück: Sie war Mitbegründerin der Kunstzeitschrift «Parkett» und leitete als erste Frau die Biennale von Venedig. Und sie ist noch nicht müde. Seit fünf Jahren ist sie Direktorin der Fondation Vincent van Gogh in Arles.
Christina Genova
Sie wirkt um Jahre jünger: Bice Curiger ganz entspannt im Juli 2018 in der Camargue. (Bild: Anna Polke)

Sie wirkt um Jahre jünger: Bice Curiger ganz entspannt im Juli 2018 in der Camargue. (Bild: Anna Polke)

Mit 65 fängt Bice Curiger beruflich nochmals neu an. In einem Alter, in welchem andere pensioniert werden, wird sie Direktorin der Fondation Vincent van Gogh in Arles, obwohl sie bisher immer ihre Freiheit der Leitung eines grösseren Hauses vorgezogen hat. Als sie ihre Stelle antritt, ist das Museum noch eine Baustelle: «Man hat nicht oft im Leben die Gelegenheit, eine Institution selbst aufzubauen. Es gefällt mir ausserdem, dass es überschaubar ist», erzählt sie am Telefon in Arles. Angefragt für den prestigeträchtigen Posten wird sie von Luc Hoffmann, dem Mäzen der Fondation. Mit ihm und seiner Familie ist die bestens vernetzte Kuratorin schon länger bekannt.

Die bekannteste Kunsthistorikerin der Schweiz ist zwar gerade 70 Jahre alt geworden, doch das sieht man ihr nicht an: «Ich denke gar nicht an mein Alter, ich mache einfach weiter», sagt Curiger. Tatsächlich spürt man die Leidenschaft für ihre Arbeit, wenn sie erzählt, wie Vincent van Gogh sie täglich von Neuem fasziniere. In Arles, wo der Ausnahmekünstler 15 Monate lebte und 200 Bilder malte, ist es ihre Aufgabe, ihn in die Gegenwart zu holen. Dafür arbeitet sie auch mit zeitgenössischen Künstlern zusammen.

Sinn für Stil und Mode

Beatrice Gabriella Livia Curiger wächst als Einzelkind in einer kunstaffinen Familie in Zürich auf. Die Stadt ist bis heute ihre Basis: «Es gibt mir eine gewisse Ruhe und Stetigkeit.» Der Vater ist Architekt, die Tessiner Mutter Schneiderin. Den Sinn für Mode und Stil hat sie von ihr geerbt: Im Februar ist Bice Curiger von der NZZ als eine der 50 bestangezogenen Frauen des Landes nominiert worden.

Familie Curiger macht viele Ausflüge, besucht Museen, nicht immer zur Freude der jungen Bice: «In der Pubertät hatte ich einmal eine Phase, in der ich sagte, ich warte draussen.» Mit fünfzehn will sie an die Kunstgewerbeschule und Grafikerin werden, aber die Eltern sind dagegen. Mit sechzehn entdeckt Bice Curiger in einer Zeitschrift des Vaters Pop Art und ist elektrisiert. Sie liest Texte der Kunsthistorikerin Erika Billeter, der späteren Vizedirektorin des Kunsthauses Zürich, und beschliesst, Kunstgeschichte zu studieren. An der Uni kommt die Ernüchterung: «Die Professoren waren ziemlich konservativ, ein Künstler musste für sie schon hundert Jahre tot sein.»

Erster Job: Kunstkritikerin

Noch während des Studiums beginnt Bice Curiger für den «Tages-Anzeiger über Gegenwartskunst zu schreiben: «Ein guter Ausgleich. Man liess mich ganze Seiten füllen.» Den Einstieg in den Journalismus hat Curiger nicht geplant: Ihr erster Text ist eine Buchbesprechung, die sie für einen Kommilitonen übernimmt. Auch ihre weitere berufliche Laufbahn entwickelt sich organisch, eine Karriereplanung hat die Kunsthistorikerin nie gemacht. Die erste eigene Ausstellung kuratiert Bice Curiger 1980. Aufgrund eines Artikels über den Einfluss der Popkultur auf junge Künstler wird sie von der Kulturabteilung der Stadt Zürich angefragt, dazu eine Schau im Zürcher Strauhof zu organisieren: Daraus wird die legendäre Ausstellung «Saus und Braus», in der Peter Fischli und David Weiss zum ersten Mal gemeinsam ausstellen – die Fotoserie «Stiller Nachmittag». Auch Dieter Meier, Martin Disler, Urs Lüthi oder Klaudia Schifferle sind dabei.

Bice Curiger 1999 im Kunsthaus Zürich, wo sie während 20 Jahren feste freie Mitarbeiterin war. (Bild: KEYSTONE/Ayse Yavas)

Bice Curiger 1999 im Kunsthaus Zürich, wo sie während 20 Jahren feste freie Mitarbeiterin war. (Bild: KEYSTONE/Ayse Yavas)

Wichtige Vorbilder für die junge Kunsthistorikerin sind Harald Szeemann, aber auch Jean-Christophe Ammann: «In einer bestimmten Zeit war er für uns viel zugänglicher als Szeemann. Er sass mit uns bis in alle Nacht in der Beiz mit den Künstlern. Dank ihm habe ich damals Bruce Nauman und Gilbert & George persönlich kennen gelernt.» Später ist Bice Curiger während 20 Jahren feste freie Mitarbeiterin am Kunsthaus Zürich und kuratiert zahlreiche Ausstellungen. Die bekannteste darunter ist «Freie Sicht aufs Mittelmeer» (1998). Ein Höhepunkt von Curigers Karriere ist die Ernennung zur Leiterin der 54. Ausgabe der Biennale von Venedig 2011 – als erste Frau in der Geschichte der Biennale und als zweite Schweizerin nach Harald Szeemann: «Ich hatte das wirklich überhaupt nicht erwartet. Selbst als ich vom Präsidenten der Biennale nach Rom eingeladen wurde, kam ich nicht auf die Idee, dass es um mich gehen könnte.»

Beinahe wird sie Bühnenbildnerin

Welchen Rat gibt Bice Curiger als gestandene Kuratorin einer jungen Kollegin? «Ich habe immer davon profitiert, dass ich das Studium der Kunstgeschichte bis zum Lizenziat durchzog, mich früh mit Künstlern austauschte und zu ihnen in die Ateliers ging.» Einerseits sei der Blick in die Tiefen der Kunstgeschichte wichtig, andererseits müsse man wissen, was jetzt relevant sei und was in den Köpfen der Kreativen passiere.

Beinahe wäre Bice Curiger nicht Kuratorin, sondern Bühnenbildnerin geworden. Während des Studiums besucht sie häufig Aufführungen am Schauspielhaus Zürich, wo von Peter Löffler und Peter Stein innovatives Theater geboten wird. Schauspieler wie Hanna Schygulla oder Bruno Ganz gehören zum Ensemble. Nach einer Aufführung beschliesst die Studentin begeistert, Bühnenbildnerin zu werden: «Ich klopfte beim Atelier des Bühnenbildners, aber niemand machte mir auf. Ich glaube, die machten Mittagspause.»

Sorgen um die Kunstkritik

Jacqueline Burckhardt, Walter Keller und Bice Curiger (von links) stellen im April 1984 im Gartenpavillon der Platzspitzanlage in Zürich ihre neue Kunstzeitschrift «Parkett» vor. (Bild: KEYSTONE/Niklaus Stauss)

Jacqueline Burckhardt, Walter Keller und Bice Curiger (von links) stellen im April 1984 im Gartenpavillon der Platzspitzanlage in Zürich ihre neue Kunstzeitschrift «Parkett» vor. (Bild: KEYSTONE/Niklaus Stauss)

1984 gründet Bice Curiger mit Jacqueline Burckhardt, Walter Keller und Peter Blum die Kunstzeitschrift «Parkett». Sie erscheint von Anfang an auch auf Englisch, Büros werden in Zürich und New York unterhalten. Zu Spitzenzeiten wird «Parkett» in 60 Ländern vertrieben. Seit einem Jahr ist die renommierte Publikation Geschichte. Wie sehr schmerzt dies die Mitherausgeberin und ehemalige Chefredaktorin? «Wir sind unglaublich dankbar, dass wir es so lange machen durften. Wir haben etwas erschaffen und können in unserem Alter getrost aufhören. Aber wir werden jetzt dauernd darauf angesprochen, dass etwas fehle und dass man das Heft weiterführen sollte. Das freut mich.»

Den Zustand der heutigen Kunstkritik sieht Curiger kritisch. Sie stelle fest, dass der Diskurs über Kunst in spezialisierte Grüppchen ins Internet abwandere, im Gegensatz zu früher, als man sich über die lokale Kunstszene im regionalen Feuilleton austauschte. Darin sieht sie eine grosse Gefahr. Sie befürchtet, dass zunehmend die Verkäufe an Messen und die an Auktionen erzielten Preise den Massstab für die Qualität von Kunst setzten.

Ob Bice Curiger in fünf Jahren noch in Arles ist, kümmert sie wenig: «Solange ich mag, mache ich weiter. Und was dann ist, wenn es nicht mehr geht, werden wir sehen.» Ist sie eine Lebenskünstlerin? «Ja, vielleicht», sagt sie lachend. «Ich bin dankbar für jeden Tag, der neu beginnt.»

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