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Ein Roman erzählt vom der lähmenden Angst vor dem Kindstod

Man möchte Sarah Moss’ «Gezeitenwechsel» allen Eltern aufs Kopfkissen legen. Nach dem Atemstillstand der Tochter ringt die Familie mit der Todesangst. Erzählt wird aus der Perspektive des Hausmannes.
Hansruedi Kugler

Vorwarnungen gibt es keine. «Es ist etwas passiert» – solche Telefonanrufe knallen schockartig ins Leben. Die Angst davor kennen alle Eltern. Ob Unfalltod oder Krebsdiagnose: Um selbst leben zu können und um die Kinder leben zu lassen, muss man diese Angst verdrängen, loslassen können. Sarah Moss, von der Londoner «The Times» als «eine der meistunterschätzten Schriftstellerinnen Grossbritanniens» bezeichnet, erzählt in «Gezeitenwechsel» von einer Familie, der das Verdrängen nicht mehr möglich ist. Sie muss lernen, mit der permanenten Angst vor dem Kindstod zu leben. Der plötzliche Atem- und Herzstillstand der 15-jährigen Miriam auf dem Schulhof zwingt die Familie dazu. Die altkluge, mit pubertärem Sarkasmus begabte Miriam überlebt dank Nothilfe eines Lehrers. Eine Ursache wird nie gefunden, die Angst vor neuerlichem und womöglich tödlichem Atemstillstand bleibt – den ganzen Roman und für Miriam lebenslang.

Wie hält man das aus, wenn das Schicksal einen aus der abgesicherten europäischen Wohlfühlblase wirft? Und wie verändert es die Sicht auf die Welt? Man hat hier 360 Seiten kluge Lebensschule vor sich. Miriams Vater Adam, aus dessen Perspektive der Roman erzählt ist, reagiert mit schonendem Verschweigen und selbst auferlegter Gelassenheit, aus der eine zunehmende Entfremdung von Frau und Kindern resultiert. Mit der überbehütenden, akribischen Kontrolle der Kinder aus Angst vor dem Tod drangsaliert er Miriam. Das ist die psychologische Seite des Romans: eindringlich und souverän geschrieben.

Super-Daddy erforscht den Bombenkrieg auf England

Wie erzählt man eine solche Geschichte ohne Rührseligkeit? Sarah Moss tut es in angenehm ruhigem, sachlichem Ton, was einen fast schon reportageartigen Blick auf die lebensbedrohliche Situation ermöglicht. Melodramatisch ist dieser Roman auf keiner Seite. Vielmehr folgt man hoch konzentriert Adams klugen, vielschichtigen Selbstgesprächen und den mal einfühlsamen, mal spitzzüngigen Dialogen mit seinen Töchtern. Entscheidend ist dabei das Milieu – gebildete, liberale, politisierte Mittelschicht: Emma, die Mutter, ist Workaholic, arbeitet Vollzeit als permanent erschöpfte Allgemeinmedizinerin, Adam ist arbeitsloser Akademiker und Vollzeit-Hausmann. So redet und denkt er denn auch. Er ist eine Art Super-Daddy, der von Kuchenbacken über Feinwaschgang bis zum Biogemüse für die Kinder die Hausarbeit nach Vernunftregeln perfektioniert hat, dem aber die ­Geringschätzung der Rolle zu schaffen macht. Man liest den Rollentausch schmunzelnd und staunt über sein Know-how, auch wenn Adam ein wenig zur Karikatur wird. Aufbrausend wird er nie, keine Tasse zerschellt.

Adam versucht, seine beklemmende Hilflosigkeit mit Vernunft zu überdecken. Seine Erkenntnis: «Ich musste den Leuten sagen, dass die Welt nicht war, wie sie glauben.» Sicherheit sei eine Illusion. Denn die Todesnähe der Tochter vereint ihn mit dem Schicksal der überwiegenden Mehrheit der Menschen. Die Welt und die Geschichte ist voller Kriege, Seuchen, Hungersnöte und der Tod allgegenwärtig. Mit seiner Forschungsarbeit zum Bombenkrieg der Nazis auf England hat Adam dazu schauderhaftes Anschauungsmaterial.

Ein Stück Lebensschule, die Angst aber bleibt

Die Erzählung hätte eine kurze Novelle von gut hundert Seiten sein können. Sarah Moss dehnt das Buch auf 360 Seiten. Das geht erstaunlich lange gut. Virtuos spielt sie mit Angst, Selbstzweifel, Schweigen und Entfremdung – von Miriams Spitalaufenthalt über quälende Monate zu Hause mit Alarmband am Handgelenk bis zur fragilen Normalisierung des Lebens. Auch die Schilderungen der Bombennächte ergänzen motivisch sinnvoll die Gegenwartsbedrohung.

Etwas dick trägt die Autorin mit der familiären Vorgeschichte auf. Adams Grosseltern sind dem Holocaust in die USA entkommen, sein Vater führte in den 1960er-Jahren ein Hippieleben. Der Titel «Gezeitenwechsel» spielt auf den Tod von Adams Mutter an, einer hervorragenden Schwimmerin, die im Meer vielleicht aufgrund eines plötzlichen Atemstillstandes ertrunken ist, was den Verdacht einer genetischen Vorbelastung nährt.

«Gezeitenwechsel» ist letztlich ein versöhnlicher Roman, ein Stück Lebensschule. Adam sagt am Ende: «Es tröstet mich, daran zu denken, dass die meisten Eltern fast überall auf der Welt und fast zu jeder Zeit mit dieser Angst als Selbstverständlichkeit gelebt haben.»

Sarah Moss: Gezeitenwechsel. Roman. Mare, 364 S., Fr. 37.–

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