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Die Kunst naiver Landlust

Heissa, hoppsa, lasst uns springen: Tanzchefin Beate Vollack folgt dem Ruf der Natur und lässt Haydns Oratorium «Die Jahreszeiten» in einer Gemäldegalerie aufblühen und reifen. Ein üppiger, verschmitzter Spielzeitauftakt am Theater St. Gallen.
Bettina Kugler
Am Busen der Natur: «Lilith» im Bilderrahmen inspiriert zu einer paradiesischen Naturstimmung. Im Vordergrund Robina Steyer und Nimrod Poles, rechts Genevieve O’Keeffe, Fabio Agnello. (Bild: Ian Whalen)

Am Busen der Natur: «Lilith» im Bilderrahmen inspiriert zu einer paradiesischen Naturstimmung. Im Vordergrund Robina Steyer und Nimrod Poles, rechts Genevieve O’Keeffe, Fabio Agnello. (Bild: Ian Whalen)

Joseph Haydn selbst soll mit für ihn untypisch grimmigem Blick das farbenfroh-naive Buch der Natur durchblättert haben, das ihm sein Librettist Gottfried van Swieten zur Vertonung aufdrängte: Es sei «französischer Quark»; banal und bäuerisch, voll Froschgequake, Gesumm und Halali. Das hinderte ihn freilich nicht ­daran, die ländliche Idylle in seinem Alterswerk mit überbordender musikalischer Sinnlichkeit aufblühen, reifen und vergehen zu lassen. Haydns Oratorium «Die Jahreszeiten» aus dem Jahr 1801 feiert die Fülle und Vielfalt der Natur und distanziert sich zugleich durch Humor und formale Raffinesse vom allzu Rustikalen. Auf den Punkt bringt das Michael Balke am Pult des Sinfonieorchesters St. Gallen: Er kultiviert mit den Musikern einen Wonneklang mit Biss, eine feine Ironie, auch noch im Rausch des Weinfestes.

Papa Haydn schaut aus dem Bilderrahmen zu

Ein Grund mehr für Choreografin Beate Vollack, das trotz seiner eher plumpen Texte nach wie vor beliebte Werk für Soli, Chor und Orchester von der steifen Konzertbühne ins Theater zu holen und ihm dort Beine zu machen. Zur Spielzeiteröffnung am Grossen Haus hat sie sich anstecken lassen vom fröhlichen Heissahoppsa dieses Oratoriums, das lauthals schreit nach Tanzen und Springen, nach naturburschenhaftem Reigen im Jahreskreis. Zugleich schmunzelt sie mit Haydn über naive Freiluftschwärmerei: eine Krankheit der Städter mit ihren «Landlust»-Magazinen, mit dem verklärten Blick der Kunst auf Mutter Natur.

Gleich mehrfach hängt das Konterfei des Komponisten an den Seitenwänden des von Jon Morrell üppig ausgestatteten ­Museums, in dem Beate Vollack ihre Tanzversion des Oratoriums spielen lässt. Am Ende wird der Bass Martin Summer eines der Haydn-Porträts zum Leben erwecken und altersweise aus dem goldverzierten Rahmen sprechen. Dann hält der Frühling wieder Einzug: Wie im Prolog räumen Arbeiter in grauen Overalls die Winterlandschaften in Öl und Tempera ins Magazin, schiebt ­Sopranistin Sheida Damghani als verträumte Reinigungskraft ihr Putzwägelchen übers Parkett und hält die Museumsnatur staubfrei.

Gut zwei Stunden lang wirbeln die Tänzerinnen und Tänzer reichlich davon auf. Sei es, dass sie als russische Kolchosebauern oder anmutige Rokokogestalten die Leinwand sprengen, sei es, dass sie bewegt die Galerie ­besichtigen. So schnell wie die Rezitative, Arien und Chorsätze wechseln, dreht die Choreografie das Kaleidoskop ländlicher und urbaner Schaulust. Sie springt von Bild zu Bild, von einer Naturstimmung zur nächsten – da heisst es flink sein hinter der Bühne, blitzartig mit dem Kostüm die Rolle und den Tanzstil wechseln. Das Publikum kann sich bequem zurücklehnen, dem augenzwinkernden, mit Liebe zum Detail ­inszenierten und ironisierten Bilderbogen ohne Mühe folgen. Und ohne müde Füsse.

Die Sänger als klangschöne Lobredner der Natur

Genügt es doch schon, dass zwischen den Bildern ein geschäftiges Hin und Her herrscht, zuweilen auf Kosten der Tanzkompanie. Unstet schweift dann der Blick umher, verliert sich in den leeren Bilderrahmen, aus denen der Theaterchor (Einstudierung: Michael Vogel) singt – auffällig in die Noten vertieft. Oder die Aufmerksamkeit folgt den emsig ­ausgewechselten Gemälden, an denen sich Ausstatter Jon Morrell inspiriert hat.

Fokussiert und geführt wird sie eher durch die drei Sänger. Sie begeistern in ihrer Doppelfunktion als Teil des Spiels und als Lobredner der Natur,als lyrische Klangmaler. Lieblich und sonnestrahlend erfüllt Sheida Damghani ihre vielen Rollen mit Leben – zudem mustergültig in Sachen Textverständlichkeit. Nik Kevin Kochs Tenor kann frei und schön in Haydns Welt ausschweifen, Martin Summer erdet das Epos in runder Bassgewissheit.

Mit Witz und Augenzwinkern überträgt Beate Vollack die Gesangstexte in die naturferne Szenerie des Kunsttempels und präsentiert die Kompanie fast durchweg als bewegtes Ganzes. Umso eindrücklicher prägen sich Soloauftritte ein wie jener von Swane Küpper als paradiesische Schlange, unwiderstehlich geschmeidig, oder Robina Steyer als einsam irrlichternde Schneekönigin.

In den Jagdgründen einer Disco

Die Frühlingsfeier wird zur Vernissage, zu einem Stelldichein der Schönen und Angesagten, bei dem reichlich Prosecco die Kehlen wässert – so wie der vom Chor besungene Tau die Erde, und wie «der Regenguss die Furche tränkt». In der Sommerhitze ­räkelt sich die Kompanie in Mondrian-Badekleidern am Strand, das Gewitter wird zur Performance, grell blitzen Plastikpelerinen im Sturm auf. Die Hirschjagd im Herbst findet in den nächtlichen Jagdgründen einer Disco statt, und das wirkt keineswegs weit hergeholt.

Im Gegenteil: Die choreografische Assoziationslust lässt einen alten, zumindest in seinen Texten ziemlich verstaubten Schinken im Licht der Gegenwart aufblitzen. Sie erzählt, ohne dafür um jeden Preis eine stringente Handlung herbeizuzwingen, mit Haydns Oratorium viel über unser heutiges Verhältnis zur ­Natur wie auch zur Kunst.

Nächste Vorstellungen: 30.9., 14.30 Uhr; 2./10.10., 19.30 Uhr, Theater St.Gallen

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