Die Kunst des Innehaltens

Mozarts Meisterstücke: Das Hagen-Quartett hat in der Tonhalle St. Gallen drei der sogenannten «Haydn-Quartette» gespielt – mit der inspirierten Lockerheit langjähriger Erfahrung.

Bettina Kugler
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Das Hagen Quartett (Bild: pd)

Das Hagen Quartett (Bild: pd)

ST. GALLEN. Dass Joseph Haydn Herz und Ohren aufgingen beim ersten Hören dieser ihm gewidmeten Quartette, zu Hause in Mozarts Wiener Wohnung, verwundert wenig. Es steckt darin nicht nur das Genie eines Musikers, der schon als Kind mit leichter Hand gewichtige Kompositionen zu Papier brachte, sondern auch ernstes Bemühen um die bestmögliche Musik für vier Streicher. Streicher wie die Geschwister Lukas, Veronika und Clemens Hagen und ihr Quasi-Bruder Rainer Schmidt, vergangenen Donnerstag zu Gast im Meisterzyklus der Tonhalle St. Gallen.

Der halbe Mozart-Marathon

Seit mehr als dreissig Jahren ist das Hagen-Quartett bestens vertraut mit Mozarts «Haydn»-Quartetten; zu besonderen Anlässen spielen die vier Musiker auch alle sechs Quartette an einem Abend: ein mehr als dreistündiger Mozart-Marathon. In St. Gallen war es die kleine Runde, mit dem G-Dur-Quartett KV 387 zum lockeren Warmwerden, dem d-Moll-Quartett KV 421 als Wendung ins Melancholische, schliesslich dem Es-Dur-Quartett KV 428 als keineswegs pfeilgerade Ziellinie.

Aufgeführt und eingespielt hat das Hagen-Quartett sämtliche Streichquartette von Mozart, über einen Zeitraum von 1989 bis 2004 hinweg: Diese Erfahrung, angereichert durch regelmässige Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik, strahlen die vier an diesem Abend vom ersten Einsatz bis zum letzten verhaltenen Schlussakkord aus.

Sinnfällige «Klangrede»

Natürlich kann man die Hagens auch gemütlich zu Hause auf CD hören und dabei die Essenz kongenialen Könnens bestaunen. Die «Haydn-Quartette» gibt es sogar komplett auf DVD – aufgenommen bei jenem Marathon-Konzert im Salzburger Mozarteum. Der Augenblick freilich tut sein übriges dazu, Mozarts Musik vital in Bewegung zu halten, sie aufs Neue zu erkunden und zu entdecken – abgesehen davon schaut man den Musikern gerne zu bei ihrem regen, hellwachen Dialog von Pult zu Pult.

So sieht sie also aus, die von Alte-Musik-Pionier Nikolaus Harnoncourt (der die «Hagen-Kinder» einst förderte und ihnen wichtige Türen öffnete) geforderte «Klangrede». Schliesst man die Augen, hört man sie allenthalben: in vielsagenden Betonungen des Menuetts von KV 387 etwa, in sprechenden Details, in leicht kratzbürstigen, kühlen Passagen des Es-Dur-Quartetts, die einen Mozart abseits des heiter Geläufigen offenbaren.

Führen und Begleiten sind beim Hagen-Quartett immer bestens ausbalanciert, geschwisterlich aufgeteilt ohne Rivalitäten. Dennoch tönt es nie harmoniesüchtig, wie es mancher bei Mozart gern hätte. Dazu sind die drei Quartette auch viel zu komplex. Schon im ersten halten die vier Musiker mit beständig kippenden Stimmungen ihre Zuhörer in Atem – was sich im Es-Dur-Quartett nach der Pause noch einmal steigern wird.

Höchste Aufmerksamkeit und Augenblickslust verbinden sich dabei glücklich. Inbegriff dieses erfahrenen Zusammenspiels sind die Anmut der Klanggebung, die sehr bewusst gesetzten, geradezu demonstrativen Pausen und Atemzäsuren in den langsamen Mittelsätzen: die Hagensche Kunst des Innehaltens.

Immer noch neugierig

Auf Vibrato wird zwar nicht verzichtet, aber mit Hochglanzklang geht das Hagen-Quartett überaus haushälterisch um. Die Farbpalette ist gross, ohne grelle Töne und Überdruck. Was die Zeitgenossen, einmal abgesehen von Haydn, überforderte, das kommt an diesem Abend mit inspirierter Lockerheit, Esprit, Innigkeit daher – gespielt von Kennern, die sich immer neu mit Mozart auf den Weg machen.