Die Kunst der vielen Gesichter

Schauspieler Volker Ranisch schlüpft in einem Gastspiel im Parfin de Siècle in die Rolle des Hochstaplers Felix Krull und als dieser auch in andere Rollen. Dabei erweckt er die literarische Orchestrierung Thomas Manns zu einer Wortsymphonie.

Mirjam Bächtold
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Schlüpft in alle Rollen: Volker Ranisch im Erzähltheater «Felix Krull». (Bild: Mirjam Bächtold)

Schlüpft in alle Rollen: Volker Ranisch im Erzähltheater «Felix Krull». (Bild: Mirjam Bächtold)

ST. GALLEN. Heute würde man ihn einen Arschkriecher nennen. Schmeichler oder Charmeur wären die netteren Bezeichnungen. Ein Zauberer nennt ihn der Marquis Louis de Venosta, Kostümkopf betitelt ihn liebevoll sein Pate Schimmelpreester, und gar als Hermes bezeichnet ihn Diane Philibert. Und Thomas Mann nennt ihn einen Hochstapler. Felix Krull hat viele Namen – und viele Rollen. Deren Spiel er bis zur Perfektion beherrscht, so dass er selbst glaubt, aus dem Spiel würde Wirklichkeit, und er bisweilen selbst nicht mehr weiss «in welcher Gestalt ich eigentlich ich selbst und in welcher ich nur verkleidet war».

Wandlungsfähig wie Krull

Viele Rollen spielt auch Volker Ranisch. Der Schauspieler hat den letzten und unvollendet gebliebenen Roman Thomas Manns «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull» auf die Bühne gebracht, der um 1900 spielt. Seit 2005 gibt er nicht nur Krull selbst, sondern einen Grossteil der Romanfiguren in Gastspielen zum Besten. Er spielt Krull mit einem schelmischen, verführerischen Lächeln, dann wieder naiv und gespielt unschuldig. Er schlüpft in die Rolle der Diane Philibert, die den jungen Krull mit ihrer lasziven Art verführt. Er gibt Lord Kielmarnook erst unnahbar und später feinfühlig als einsamen alten Mann. Angeberisch und überschwenglich spielt er Marquis Louis de Venosta und wenn man beim Dialog die Augen schliesst, könnte man meinen, es befänden sich zwei Schauspieler auf der Bühne.

Teilweise haben die Rollen etwas wenig Tiefe, sind karikiert oder zu klischiert dargestellt. Etwa der Abschied des Lords, bei dem dieser gar rührselig wird. Der betrunkene de Venosta ist überzeichnet und erinnert ein bisschen an die Ch'tis aus dem gleichnamigen Film, wenn er nach jedem Satz ein lautstarkes «Hääh?» anhängt.

Distanz durch Ironie

Mehr Erzähltheater als Schauspiel, lebt das Stück von der reichen Sprache Thomas Manns. Diese vermittelt Volker Ranisch sehr eindrücklich und leichtfüssig. Es gelingt ihm, eine lebendige, spannende Geschichte zu erzählen. Die nicht immer unkomplizierten Schachtelsätze des Nobelpreisträgers klingen bei Ranisch wie Musik, und auch dessen Sinn für Ironie kostet der Schauspieler genüsslich aus. Der Satz «mein Vater hat Selbstmord begangen» klingt bei ihm so: «Dort lag er mit geöffneten Kleidern auf dem Fussboden, seine Hand ruhte hoch auf der Wölbung seines Leibes, und neben ihm fand sich das blanke, gefährliche Ding, womit er sich in sein sanftes Herz geschossen.» Er distanziert sich vom Ereignis durch pseudokultivierte Sprache und «entrichtet der kalten Hülle seines Erzeugers reichlich den Zoll der Tränen».

Krull, der sich als etwas Besseres fühlt als er ist, sinniert beim Bedienen über die Vertauschbarkeit und den Zufall des Reichtums. Und der Zufall steht auf seiner Seite. Als Louis de Venosta fragt: «Könnten Sie wünschen, ein anderer Mensch zu werden, ein anderer, als der Sie sind?», gibt er ihm damit ein Freibillett zur Weltreise. Als der Graf Felix Krull mit Marquis anredet, wird für diesen der Schein zum Sein.

Weitere Vorstellung: So, 22. Mai, 17.30 Uhr, Theater Parfin de Siècle