In der Kunstzone der St.Galler Lokremise gibt es sprechende Ohrringe und Mobiles aus Fingernägeln 

Unter dem Titel «Camouflage» zeigen vier jüngere Kunstschaffende Werke, die tarnen, täuschen und transformieren. Sie sind nicht gerade einfach zu entschlüsseln.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Zin Taylor malte sein kurioses Panorama von St.Gallen direkt auf die Wand. Der Paravent stammt von Kasia Fudakowski. (Bild: Urs Bucher)

Zin Taylor malte sein kurioses Panorama von St.Gallen direkt auf die Wand. Der Paravent stammt von Kasia Fudakowski. (Bild: Urs Bucher)

Keine Kathedrale, kein Gallus, kein Roter Platz. Sondern Schlammhaufen, Bananen, Pyramiden. Immerhin eine Bratwurst ist vorhanden. An St. Gallen denkt man beim Anblick der beiden riesigen Zeichnungen von Zin Taylor in der Kunstzone der Lokremise beim besten Willen nicht. Und doch basieren sie auf 400 Zeichnungen, die der kanadische Künstler auf mehreren Streifzügen durch die Stadt an­gefertigt hat. Sie erinnern an ­Comics oder Illustrationen. Dass er es zu verbergen weiss, dass sie in St. Gallen entstanden sind, passt zum Titel der Ausstellung: «Camouflage» bedeutet Tarnung.

Die grosse Erzählung fehlt

Zin Taylors monumentale Wandzeichnungen entstanden aufgrund von Streifzügen durch die Stadt St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Zin Taylors monumentale Wandzeichnungen entstanden aufgrund von Streifzügen durch die Stadt St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Zin Taylor hat ein völlig subjektives Stadtinventar in Form einer Landschaft geschaffen. 61 Objekte enthält alleine die Zeichnung beim Eingang. Er hielt sie fest, weil sie eine Erinnerung oder eine Assoziation in ihm anklingen liessen. Derselbe Prozess wird beim Betrachter ausgelöst, der sich überlegt, wo der Künstler dieses oder jenes Objekt gesehen haben könnte. Doch wie viel Erkenntnisgewinn dies bringt, sei dahingestellt. Alle Objekte sind aus Punkten, Linien, Kurven oder Zickzackformen aufgebaut, was man erst auf den zweiten Blick erkennt – Camouflage eben. Die abstrakten Zeichen bilden das Grundinventar von Zin Taylors visueller Sprache. Kurator Lorenzo Benedetti setzt in seiner dritten thematischen Ausstellung auf vier jüngere Künstler, die bis auf Grace Schwindt alle neue, speziell für St. Gallen geschaffene Arbeiten präsentieren. Sie fügen sich passgenau in die herausfordernden räumlichen Verhältnisse der Kunstzone ein. Der Titel ­«Camouflage» als gemeinsamer Nenner vermag jedoch die vier sehr unterschiedlichen und komplexen Positionen nicht zu einer grossen Erzählung zu vereinen.

Kühle Seide auf der Haut

Mit 35 Jahren ist Kasia Fudakowski die jüngste beteiligte Künstlerin. Von ihr stammt eine Installation, die an einen Raumteiler ­erinnert. Sie besteht aus sieben Elementen aus Stahl, jedes davon bildet den Rahmen für einen Aspekt des Kennenlernens im digitalen Zeitalter. «Onlineprofile auf Datingplattformen sind auch eine Art von Camouflage», sagt die Künstlerin. Man wisse nicht, wer die echte Person sei, die sich hinter einem ästhetischen Erscheinungsbild verberge. Da ist etwa der Performer, der sich als «lecker, sexy, lustig, frech. Kocht gerne.» charakterisiert. Doch eigentlich ist er ängstlich und kaut Fingernägel. Das ihm gewidmete Panel enthält ein Mobile aus riesigen Nagelschnipseln aus Plexiglas.

Der Vorhang aus bunten Seidenstreifen und die Keramikinstallation stammen von Grace Schwindt. (Bild: Urs Bucher)

Der Vorhang aus bunten Seidenstreifen und die Keramikinstallation stammen von Grace Schwindt. (Bild: Urs Bucher)

Die sinnlichste Installation der Ausstellung stammt von ­Grace Schwindt. Sie besteht aus einem Vorhang aus Seidenstreifen in leuchtenden Farben, der von der Decke bis zum Boden reicht. Beim Durchschreiten streift der kühle, glatte Stoff über die Haut. Der Vorhang wirkt als Raumteiler und lenkt die Schritte der Betrachter. Er hemmt die Sicht, aber gewährt zwischen den Streifen hindurch gewisse Einblicke. Einen Gegensatz zur raumgreifenden Installation bilden die kleinformatigen Objekte der Künstlerin, die eine ganz andere künstlerische Sprache sprechen: eine Marionette aus Schwemmholz etwa oder eine mehrteilige Keramikskulptur, bemalt mit Mischwesen. Grace Schwindt hat auch die Gestalt am Fenster entworfen, deren silberner Umhang üppige Falten wirft. Erst von vorne betrachtet zeigt sich, dass ihr Körper nur ein Gerippe ist. Das Kostüm, das auch Skulptur ist, wird an der Finissage von einer Sängerin getragen.

Joe Hills Testament

In der Videoinstallation Catherine Bioccas fallen die Bücher mit Joe Hills Testament zu Boden. (Bild: Urs Bucher)

In der Videoinstallation Catherine Bioccas fallen die Bücher mit Joe Hills Testament zu Boden. (Bild: Urs Bucher)

Wie viele der ausgestellten Arbeiten enthält auch Catherine Bioccas Installation «Sabotage» surreale Elemente. Dank einer ­Videoanimation lässt sie Modeschmuck zum Betrachter sprechen. Frei nach der Abhandlung «Discours de la servitude volontaire» des Autors Etienne de la Boétie von 1574 rufen Collier und Ohrringe zum Widerstand gegen Modediktat und Schönheitsideale auf. Auch Bioccas zweite Arbeit widmet sich der Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse. Dafür steht Joe Hill, eine Ikone der US-Gewerkschaftsbewegung. Dessen Testament ist in Büchern zu lesen, die videoanimiert aus einem Regal zu Boden fallen. Warum dazu ein psychedelischer Comicpilz hysterisch lacht, bleibt unergründlich.

Bis 16.6., Kunstzone Lokremise, St. Gallen