«Die Kunst braucht noch mehr Freunde»

Das zweite Podium des Theaters Konstanz hat diskutiert: «Was macht die Kunst in Konstanz?» Die Frage hat viel mit Kreuzlingen zu tun, beiden Städten fehlt ein grosses Kunsthaus. Aber Konstanz fehlt es vor allem an einer vorwärtsgerichteten Vision.

Dieter Langhart
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Kurator, Künstler und Moderator suchen eine Vision: Richard Tisserand, Markus Brenner, Siegmund Kopitzki. (Bild: Dieter Langhart)

Kurator, Künstler und Moderator suchen eine Vision: Richard Tisserand, Markus Brenner, Siegmund Kopitzki. (Bild: Dieter Langhart)

KONSTANZ. Das Fazit des Moderators Siegmund Kopitzki nach hundert Minuten intensiver Diskussion in der vollen Spiegelhalle: «In Konstanz muss sich eine Initiative gründen, die bis in fünf Jahren ein Kunsthaus realisieren will. Die Kunst braucht noch mehr Freunde hier.» Denn Bregenz hat sein KUB, Singen hat das MAC, Friedrichshafen das Zeppelinmuseum.

Kulturelles Oberzentrum?

Konstanz feiere vor allem seine Vergangenheit – mit der Altstadt, mit dem Konzil, mit den städtischen Museen. So, als gebe es keine zeitgenössische Kunst, als habe der Kunstverein nicht 600 Mitglieder, als gebe es keine Galerien in der Stadt und keine Künstler wie Markus Brenner, der für seine Gilde am Podium teilnimmt.

Kopitzki stellt das Prädikat «kulturelles Oberzentrum der Region» in Frage, das die Stadt neben den Museen aus zwei Institutionen ableite: Deutschlands ältestem dauerhaft bespieltem Theater und der Südwestdeutschen Philharmonie. «Unerwähnt bleiben auf der Website private Einrichtungen.» Und unerwähnt bleibt auch das dünne Interesse der Stadtverwaltung an der Kultur, wie Galerist Stephan Geiger und Michael Günther vom ehrenamtlich geführten Kunstverein durchblicken lassen. Anders als in Singen, wo der Oberbürgermeister eine Vernissage habe verschieben lassen, damit er teilnehmen konnte. Und anders als Ittingen, wo eine Ankaufskommission über 100 000 Franken pro Jahr verfügt, habe Konstanz keinen Etat für Ankäufe. «Wählt der Gemeinderat die falschen Leute?», fragt der Moderator. «Ja», antwortet der Künstler.

Richard Tisserand, Kurator im Kunstraum Kreuzlingen, kann dank Kanton und Stadt mit 190 000 Franken jährlich neun Ausstellungen oder Projekte verwirklichen. Nur: «Es dauert acht bis zehn Jahre, bis sich ein Kunstraum etabliert. Und als Kurator muss ich etwas wagen und über die Region hinausblicken.»

Lobbying und neue Ideen nötig

«Da fehlt etwas!» Siegmund Kopitzki meint nicht das Geld, an dem fehle es überall. Er meint das Miteinanderreden, aus dem erst eine Lobby für die zeitgenössische Kunst entstehen könne. Selbst die grenzüberschreitende Kunstnacht habe sich abgenutzt seit 2001, und andere Projekte wie der Theaterneubau oder der Ankauf einer bedeutenden Zürcher Kunstsammlung seien abgelehnt worden.

«Neue Ideen sind nötig!» Siegmund Kopitzki redet von einer Region, nicht von der Stadt, und darin sind sich alle Teilnehmer einig. Eine Idee steht im Raum, Michael Günther spricht sie aus: «Wir brauchen einen Mäzen für ein Kunsthaus.» Stephan Geiger pflichtet ihm bei: «Kultur hängt immer von Einzelpersonen ab.» Doch Markus Brenner mag nicht auf einen «Heilsbringer» warten, sondern will «Basisarbeit leisten und alles hinterfragen». Dann Applaus für Richard Tisserand: «Die Jungen müssen mitreden und etwas entwickeln, das ihren Bedürfnissen entspricht.»

Der Mäzen und die Demokratie

Ein Mäzen sitzt im Publikum: Hermann Maier, der mit seiner Frau Gabriela Unbehaun-Maier das Museum Art & Cars (MAC) in Singen ermöglicht hat und der mit einer zweiten Stiftung demnächst einen Neubau realisieren will. «Singen hat das Zurückgewandte nicht, interessiert sich für moderne Kunst», sagt er. Und Dorena Raggenbass, Stadträtin in Kreuzlingen, informiert über die angedachten Projekte für ein Kultur- und Kunstzentrum auf dem Schiesser-Areal oder im Gleisdreieck, «stets mit Blick auf Konstanz».

Die letzte halbe Stunde gehört dem Publikum. Jemand vermisst die Demokratie, Kunst müsse für alle sein. Doch Galerist Stephan Geiger wirft ein, dass die Kultur bei Abstimmungen stets unterliege. Davor schon hat er etwas Wichtiges gesagt: «Kultur ist ein Langzeit- und ein Bildungsprojekt über Generationen hinweg.»

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