Die Künstler Peter Somm und Adolf Dietrich verbindet eine vibrierende Thurgauer Wahlverwandtschaft

Der Sulgener Peter Somm besitzt nicht nur Werke Adolf Dietrichs, sondern fühlt sich ihm auch künstlerisch nahe. Eine Ausstellung mit dazugehörigem Katalog stellt nun Werke der beiden einander gegenüber.

Christina Genova
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Adolf Dietrichs «Kleines Mädchen im Wäschekorb»von 1924 findet ihre Entsprechung in einem Kreisbild Peter Somms von 1905. (Siehe Bild unten)

Adolf Dietrichs «Kleines Mädchen im Wäschekorb»von 1924 findet ihre Entsprechung in einem Kreisbild Peter Somms von 1905. (Siehe Bild unten)

(Bild: PD)

Adolf Dietrichs puppenhaftes kleines Mädchen im Wäschekorb und Peter Somms fein abgestufter Farbkreis scheinen wie füreinander gemacht. Doch sind das gegenständliche Gemälde von 1924 und das konstruktive Aquarell von 2005 völlig unabhängig voneinander entstanden.

Peter Somms «Kreis »von 2005.

Peter Somms «Kreis »von 2005.

(Bild: PD)

Wobei dies nicht ganz stimmt, denn dem in Sulgen aufgewachsenen Somm war Adolf Dietrich (1877-1957) schon als Kind ein Begriff. Später, als Erwachsener, hat Somm sich intensiv mit dessen Schaffen auseinandergesetzt. Er besuchte Museen mit Dietrich-Werken und las alles, was er finden konnte über den Vertreter der Naiven Kunst und Neuen Sachlichkeit, der in Berlingen lebte.

«Wir ticken irgendwie gleich»

In den letzten Jahren hat Somm mit seiner Frau ausserdem eine Sammlung von 25 Dietrich-Werken erworben und in die 2014 gegründete Adolf-Dietrich-Stiftung eingebracht. Über ein Dutzend waren vor zwei Jahren im Thurgauer Kunstmuseum in der Ausstellung «Adolf Dietrich: Mondschein über dem See» zu sehen.

Peter Somm in seinem Atelier in Herrenschwanden bei Bern.

Peter Somm in seinem Atelier in Herrenschwanden bei Bern.

(Bild: PD/Judith Schmed)

Nie aber wäre es dem in Herrenschwanden bei Bern lebenden 80-Jährigen in den Sinn gekommen, seine eigenen Werke und jene Dietrichs einander gegenüberzustellen und gemeinsam auszustellen. Es war die Idee von Thomas Schmutz, bis 2018 stellvertretender Direktor am Aargauer Kunsthaus und ein Bekannter von Somm. Schmutz hat im Kunsthaus Interlaken die Ausstellung «Eine Wahlverwandtschaft» samt dazugehörigem Katalog entwickelt: 21 Werke Dietrichs werden in Beziehung gesetzt zu 45 Arbeiten Somms. Für letzteren ist es gleichzeitig eine kleine Retrospektive.

Adolf Dietrichs «Zwei Waldohreulen» von 1905 tritt in den Dialog mit Peter Somms aquarelliertem Horizont. (siehe Bild unten)

Adolf Dietrichs «Zwei Waldohreulen» von 1905 tritt in den Dialog mit Peter Somms aquarelliertem Horizont. (siehe Bild unten)

(Bild: PD)

«Wahlverwandtschaft» wird gemäss Wörterbuch definiert als Sich-verbunden-Fühlen aufgrund geistig-seelischer Übereinstimmung und ähnlicher Wesensart. Der Titel von Ausstellung und Buch erscheint stimmig. Denn, wenn man Somms und Dietrichs auf den ersten Blick so unterschiedliche Werke im schön gestalteten Katalog betrachtet, zeigen sich einige Gemeinsamkeiten.

Da ist einmal die Behandlung der Farben: «Die fein abgestuften Farbtöne und die Hell-Dunkel-Beziehungen sowie die Farbkontraste bringen die Bilder in Vibration», schreibt Schmutz in seinem Textbeitrag. Als Beispiel erwähnt er das Mädchen im Wäschekorb: «So wie die Augen einen anblicken, sehen die beiden Kreise den Betrachter an.» Die Fülle, die Kraft der beiden Motive sei in gleicher Schwingung.

Peter Somms Horizontbild von 2009 weckt Assoziationen an eine Landschaft. Die feine Abstufung der Farben und die genaue Arbeitsweise verbindet den Künstler mit Adolf Dietrich.

Peter Somms Horizontbild von 2009 weckt Assoziationen an eine Landschaft. Die feine Abstufung der Farben und die genaue Arbeitsweise verbindet den Künstler mit Adolf Dietrich.

(Bild: PD)

Auch in der Arbeitsweise ähneln sich die Künstler. Wie Dietrich malt und zeichnet Somm flach auf dem Tisch: «Wir arbeiten beide sehr geduldig und genau», sagt Somm. «Es gibt einen Grund, dass ich Dietrich sammle, wir ticken irgendwie gleich.» Ausserdem seien sie beide völlige Autodidakten.

Blumensträusse wie Pop-Art

Als weitere Parallele erwähnt Somm die Zeitlosigkeit. Dietrichs Blumensträusse etwa seien so bunt, dass sie an Pop-Art erinnerten. Auch Somms konstruktive Werke, die er selbst in Abgrenzung zu Max Bill und Richard Paul Lohse als «gar nicht hartkantig» bezeichnet, wirken sehr zeitgenössisch.

Somm schätzt an Dietrichs Kunst besonders deren inneren Gehalt: «Man kann nicht unbeteiligt vor seinen Gemälden stehen. Man spürt die Seele.»

Katalog «Eine Wahlverwandtschaft» bei Scheidegger & Spiess, 96 S., Fr. 29.– Ausstellung Kunsthaus Interlaken, bis 10.5.

ADOLF DIETRICH: Der malende Zeichner

Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau zeigt Zeichnungen des Meistermalers vom Untersee und erhellt damit auch seine Gemälde.
Martin Preisser