Die Krux mit der Operette: Ohne das richtige Timing verpufft der Spass mit der Antike

Zum 200.Geburtstag ihres Schöpfers inszeniert Ansgar Weigner am Theater St.Gallen Jacques Offenbachs Operette «Die schöne Helena». Und überlegt, wer heute die Helena sein könnte - denn mit Anspielungen auf Napoleon und seinen Hof kann man den Ostschweizern heute nicht mehr kommen.

Rolf App
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Ansgar Weigner findet schade, dass er nur mehr für Operetten und Musicals als Regisseur gefragt ist. Andererseits geniesst er, dass da nicht jede Note und jedes Wort festgezurrt sind.

Ansgar Weigner findet schade, dass er nur mehr für Operetten und Musicals als Regisseur gefragt ist. Andererseits geniesst er, dass da nicht jede Note und jedes Wort festgezurrt sind. 

Bild: Lisa Jenny

An den Anfang seiner Homepage hat Regisseur Ansgar Weigner ein Zitat des Operettenkomponisten Ralph Benatzky gestellt. Dessen Devise «Leichtigkeit erringt man nur mit allergrösster Müh» beschreibt trefflich, worin Weigners Arbeit in diesen Tagen besteht. Sechs Stunden hat er allein am Wochenende mit seinem Team beraten, hat an Details gefeilt und Abläufe überdacht.

Denn jene Operette, die 1864 einer der grössten Erfolge des Wahlparisers Jacques Offenbach war, lebt von Witz, Frische und Tempo. Und davon, dass der heutige Zuschauer mit all den Anspielungen auch etwas anzufangen weiss.

«Die schöne Helena» spielt in einer griechischen Sagenwelt, ist aber eine bissige Satire aufs Zweite Kaiserreich. Worüber sich die bessere Pariser Gesellschaft bis hinauf zu Kaiser Napoleon III. so sehr amüsiert hat, dass Offenbachs Kassen lebhaft klingelten. «Jacques Offenbach hat gut daran verdient, dass er alle durch den Kakao gezogen hat», sagt Weigner.

Er liebt die Freiheiten, die man in der Operette hat

Doch mit Anspielungen auf den Kaiser und seinen Hof kann man den Ostschweizern heute nicht mehr kommen, auch wenn dieser Napoleon auf dem Arenenberg aufgewachsen ist und das Thurgauer Bürgerrecht besass. «Wir mussten aktuelle Bezüge herstellen – und auch die viel zu langen gesprochenen Dialoge kürzen», erklärt Ansgar Weigner. Auch die Frage der Sprache stellte sich. Weigners salomonische Antwort: Gesungen wird französisch, gesprochen deutsch.

Vor zwölf Jahren startete Weigner als freier Regisseur, als er für einen erkrankten Kollegen bei Puccinis «Manon Lescaut» einsprang. Bald kam mit Benatzkys «Im weissen Rössl» die erste Operette, heute werden Weigner nur noch Operetten und Musicals angeboten. «Eigentlich schade», findet er. «Andererseits liebe ich die Freiheiten, die man da hat – während bei Opern ja jede Note und jedes Wort festgezurrt sind.»

Er kann sich überlegen, wer heute die schöne Helena wäre, wo dieses Sparta sich befände, und munter Ausflüge in die Gegenwart unternehmen. Nur müssen sie dann auch wirklich munter sein. Da aber fängt die Mühe mit der Leichtigkeit an.

Szenenbild aus «Die schöne Helena» am Theater St.Gallen: Pascale Pfeuti, Gustavo Quaresma, Riccardo Botta.

Szenenbild aus «Die schöne Helena» am Theater St.Gallen: Pascale Pfeuti, Gustavo Quaresma, Riccardo Botta.

Bild: Andreas J.Etter 

«Die meisten Operettenregisseure trösten sich mit Loriot. Von dem weiss man, dass er unendlich an seinen Sketchen gefeilt hat – was wir uns in einem Probenprozess von vier Wochen nicht leisten können.» Aber Szenen so gestalten, dass der Humor zündet, das kann man versuchen – immer mit dem Risiko, dass die Regie den Geschmack des Publikums nicht trifft.

Bei alledem ist Ansgar Weigner froh, dass er ein «durch die Bank wahnsinnig spielfreudiges Ensemble» hat. Und einen Dirigenten, der Offenbachs musikalische Spritzigkeit gut versteht. Der Dirigent ist nämlich «der heimliche Abendspielleiter», sagt der Regisseur. «Er muss für das richtige Tempo sorgen.» Denn aufs richtige Timing kommt es an, sonst verpufft der Spass mit der Antike.

«Die schöne Helena»: Premiere 7.12.2019, 19 Uhr, Theater St.Gallen