Die Kostbarkeit des Augenblicks

Richard Linklater begleitet in «Boyhood» die Entwicklung eines Jugendlichen vom Sechsjährigen bis zum Achtzehnjährigen in Echtzeit. Ein einzigartiges Spielfilmexperiment und ein beglückendes Kinoerlebnis.

Walter Gasperi
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«Boyhood» lässt uns zusehen, wie die Darsteller älter werden: Szene mit Patricia Arquette als Mutter und Ellar Coltrane als Mason. (Bild: Universal)

«Boyhood» lässt uns zusehen, wie die Darsteller älter werden: Szene mit Patricia Arquette als Mutter und Ellar Coltrane als Mason. (Bild: Universal)

Bei der diesjährigen Berlinale wurde Richard Linklaters «Boyhood» von Journalisten und Publikum mit seltener Einmütigkeit bejubelt. Als herausragender Film des Wettbewerbs und haushoher Favorit für den Goldenen Bären galt diese Entwicklungsgeschichte – gewann dann aber doch «nur» den Silbernen Bären für die beste Regie.

12 Jahre – 39 Drehtage

Insgesamt über 12 Jahre – oder 4207 Tage – begleitete Linklater für das einzigartige Spielfilmprojekt einen Jugendlichen, seine Schwester und ihre Eltern mit der Kamera. Seit 2002 filmte der 1960 geborene Texaner jedes Jahr ein paar Tage mit den gleichen Schauspielern, insgesamt gab es aber lediglich 39 Drehtage. Die Folge dieser Drehweise ist, dass nicht die Entwicklung des sechsjährigen Mason zum 18-Jährigen nachinszeniert wird, sondern man einfach in 164 Minuten diese unmittelbar miterlebt. Hier wird nicht versucht, theoretisch zu ergründen, was Kindheit ist, sondern man macht als Zuschauer gemeinsam mit dem Buben Mason Erfahrungen von der schmerzhaften Trennung von einem Kindheitsfreund über den Terror durch einen alkoholsüchtigen autoritären Stiefvater bis zur ersten Party und der ersten Liebe.

Mit dem Film gealtert

Keine Maske war hier nötig, um Ethan Hawke und Patricia Arquette, die die Eltern spielen, altern zu lassen, und keine wechselnden Kinderdarsteller für Mason (Ellar Coltrane) und seine zwei Jahre ältere Schwester Samantha (Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs), sondern alle Darsteller alterten mit dem Film. Zeitgeschichte vom Irak–Krieg über die Wahl Obamas bis zur NSA-Affäre musste nicht rekonstruiert werden, sondern fliesst ebenso selbstverständlich im Hintergrund ein wie der Wandel des kulturellen Hintergrunds von Videospielen über Harry-Potter-Hype bis zu Smartphone und Facebook. Und auch der Soundtrack ergab sich aus den jeweils zur Drehzeit aktuellen Hits von Britney Spears «Oops, I Did It again» bis zu dem Family- of-the-Year-Hit «Hero».

Summe von Linklaters Werk

Wie die Summe von Richard Linklaters bisherigem Werk wirkt «Boyhood». Er ist in der Langzeitbeobachtung experimentell wie seine Animationsfilme «Waking Life» und «A Scanner Darkly», fokussiert auf Freude und Schmerz des Jugendalters wie «Dazed and Confused» und ist in Texas verwurzelt wie seine frühen Filme, aber auch seine 2011 entstandene schwarze Komödie «Bernie». Und wie in der «Before»-Trilogie, in der Linklater über 18 Jahre verteilt an drei Tagen auf die Beziehung eines Paares blickte, zeichnet er eine menschliche Entwicklung im Lauf der Zeit nach.

Das Leben: ein Wimpernschlag

So sind die Zeit, ihr Vergehen und die damit verbundenen Wandlungen des Menschen auch zentrale Themen. Unaufdringlich, doch markant wird hier vor allem am Ende, wenn Mason mit seinen neuen College-Freunden durch einen sandsteinfarbenen Canyon wandert, der Gegensatz zwischen der Kürze des menschlichen Lebens und der Zeitlosigkeit der Landschaft bewusst gemacht.

Wie bei der «Before»-Trilogie verleiht das mitfühlende Begleiten eines Erwachsenwerdens auch «Boyhood» eine beglückende Natürlichkeit und Frische. Bestechend fängt Linklater jeweils den Augenblick ein, unverkrampft und echt sind die Dialoge und im befreiten Erzählen, in dem mit grossen Ellipsen auch Wohnungswechsel oder die Trennung der Mutter von einem Ehemann übersprungen werden, wird mit grosser Leichtigkeit auch die Entwicklung der Weltsicht Masons geschildert.

Hier werden nicht dramatische Momente breit ausgespielt, sondern in Momentaufnahmen wird dem alltäglichen Leben bei der Arbeit zugeschaut. Viel Zeit lässt sich Linklater für Gespräche bei Ausflügen mit dem von der Familie getrennt lebenden Vater, mit der ersten Freundin, einem Lehrer oder Masons Chef bei einem Nebenjob. Wie hingetupft und wunderbar leicht wirkt alles – und ist doch phänomenale Kunst.

Frage der Verantwortung

Beiläufig werden die Charaktere der Mutter, die stets an die falschen Männer gerät, und des im Laufe der Jahre erst Verantwortungsbewusstsein entwickelnden Vaters gezeichnet. Und Verantwortung ist auch das zentrale Wort, das vom Anfang an immer wieder fällt in diesem zutiefst menschlichen und die Menschen liebenden Film. Der nicht zuletzt auch ein Film über Texas, über seine Landschaften und Städte und die Mentalität ihrer Bewohner ist.

Ab Donnerstag in den Kinos