Die Konferenz der Paradiesvögel

Die Ausstellung «Fieldtrip» des St. Galler Künstlers Andrea Giuseppe Corciulo bei «Kultur im Bahnhof» zeugt von einem Aufbruch zu neuen Ausdrucksformen – und spielt mit der vielschichtigen Metaphorik der Vogelwelt.

Beda Hanimann
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Aus Andrea Giuseppe Corciulos farbigen Vogelbildern sind schon beinahe die Geräusche des Urwaldes zu hören. (Bild: Urs Bucher)

Aus Andrea Giuseppe Corciulos farbigen Vogelbildern sind schon beinahe die Geräusche des Urwaldes zu hören. (Bild: Urs Bucher)

Bilder in leuchtenden Farben waren angekündigt, eine Knalligkeit an der Schmerzgrenze, nahe am Kitsch. Und da hängen sie nun im Ausstellungskorridor des Hauptbahnhofs, die von Paradiesvögeln bevölkerten Leinwände aus Andrea Giuseppe Corciulos Werkreihe «Fieldtrips». Es ist ein trüber Märzmorgen um zehn Uhr, hinter verschlossenen Türen beschnuppern sich HSG-Studenten und Vertreter namhafter Firmen, «HSG Talents Conference» heisst die Veranstaltung.

Innerhalb von wenigen Minuten spült die Pause nun zwei, drei Dutzend angehende Manager ans Buffet auf dem Flur. Lauter schwarze Anzüge, die Multiplikation von Eleganz und Distinguiertheit – inmitten von Corciulos Farbenfeuerwerk, was für ein wunderbarer Kontrast! Ein paar Krawatten nur oder Foulards, die neckisch auf die Farbigkeit der Ausstellung antworten.

Kunst im Alltag

Klar, diesen Effekt konnten weder Corciulo noch Ausstellungsmacherin Dorothee Haarer voraussehen. Aber das genau ist der Reiz von «Kultur im Bahnhof», diese Ausstellungen finden nicht isoliert in der Kunst-Quarantäne einer Galerie statt, sondern sind Teil des geschäftigen Treibens einer Bildungs- und Verpflegungsinstitution. Und so treffen sich dann die uniformierten Hoffnungsträger der Wirtschaft, die gerade eine Sprosse auf ihrer Karriereleiter anpeilen, mit jenen Tieren, die für Freiheit und Unbeschwertheit stehen wie keine andere Kreatur unter der Sonne.

Den Farbregler aufdrehen

Wie gesagt: Corciulo, der 41jährige St. Galler Künstler, konnte mit seinem Werkzyklus «Fieldtrip» nicht von einem solchen Zusammentreffen ausgehen. Es war auch für ihn einfach eine Sprosse höher im künstlerischen Schaffen, ein Schritt in die Freiheit aber auch. Weg vom Gegenständlichen zum Abstrakten habe er gewollt, weg von den kühlen Farben, diesbezüglich einmal einfach «den Regler ganz aufdrehen», wie er der Ausstellungsmacherin verriet. Eine Reise ins Ungewisse nennt er die 2012 und 2013 entstandenen Arbeiten auch, worauf der Titel «Fieldtrip» anspielt.

Das Vogelmotiv interessierte ihn in seiner Ambivalenz: Die Vögel seien unser vertrautestes Wildtier, zugleich aber auch stark domestiziert, mit Vogelhäuschen im Wintergarten oder dem Käfig in der Stube. Unendliche Freiheit, gleichzeitig aber auch Eingesperrtsein, auch das kann in Verbindung gebracht werden mit den HSG-Talents, denen die Wirtschaftswelt offen steht – die dem einzelnen aber doch mit ihren Gesetzmässigkeiten immer wieder die Flügel stutzt.

Aus dem Ornithologie-Buch

Ambivalenz und Kontrast sind es auch, die Corciulos Bilder prägen. Sie erinnern an Vexierbild-Rätsel nach dem Motto «Wo versteckt sich der Vogel?». Bei einigen Arbeiten bleibt die Suche erfolglos, es sind Abstraktionen in Form und Farbe. Bei den meisten aber springt der Vogel sofort ins Auge, ist er in seiner farbechten Gegenständlichkeit gar der erste Ankerpunkt, die Darstellungen wirken wie kolorierte Zeichnungen aus alten Vogelkundebüchern. Tatsächlich liess sich Corciulo bei seinen Darstellungen auch von einem Buch namens «Kolibris und Paradiesvögeln» inspirieren.

Nach dem kurzen Verweilen auf dem gegenständlichen Blickfang im Zentrum aber wandert der Blick schnell in die Umgebung, ein geheimnisvolles Gewusel aus wirren Linien und streng geometrischen Formen, welche die Ernsthaftigkeit des Lehrbuchs entkräften und die Vögel aus der Domestizierung durch die Ornithologie in die Freiheit der Kunst, der Farben und Formen entlassen.

Vögel und Künstler

Das Ambivalente indes bleibt. Mal halten Linienstrukturen die Erinnerung an den Käfig wach, mal vermittelt naturnahes Gewucher in Grüntönen eine Ahnung von Wildnis, mal schaffen schreiend unnatürliche Neonfarben eine durch und durch künstliche Umgebung. Dann wieder verweisen Farbflächen mit messerscharfen Kanten auf die Glasarchitektur der Moderne, welche das Menschenleben licht macht, gleichzeitig aber einer der Hauptfeinde unserer Vögel ist und deren Freiheit trügerisch macht.

Dorothee Haarer hat an der Vernissage Corciulos Arbeiten bezeichnet als Sinnbilder für das Ringen eines kreativen Geistes um neue Wege der Ausdrucksform. Das Element der Vögel als Beherrscher der Lüfte sei die geistig-seelische Sphäre, der Vogel werde zur Metapher für das Kreative, das sich mühsam seinen Weg bahnen müsse: «Der Vogel steht für den Künstler, der sich im Chaos bewegt und den gedanklichen Fesseln zu entrinnen sucht.»

Ganz unmittelbar und jenseits aller Interpretationen aber ist die Frühlingsausstellung «Fieldtrip» mit ihrer nach Urwald klingenden Farbigkeit eine schöne Antwort auf einen Winter, der nicht zu Ende gehen will. Noch so eine hübsche Zufallskonstellation – mit der weder Corciulo noch Haarer rechnen konnten.

Kultur im Bahnhof, bis 12. Mai Öffnungszeiten: Mo–Fr 8–22 Uhr, Sa/So 9–16 Uhr

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