Die Klitoris auf dem Bibliotheksteppich: Die St.Galler Künstlerin Juliette Rosset schaut genau hin

Auch Frauen sollen sich ausbreiten, findet Juliette Rosset. Die St.Galler Künstlerin zeigt im Konzertlokal Palace und in der Kantonsbibliothek Vadiana, wie’s geht.

Roger Berhalter
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Juliette Rosset beim Einrichten ihrer Ausstellung in der St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana.

Juliette Rosset beim Einrichten ihrer Ausstellung in der St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana.

Bild: Arthur Gamsa

Wie eine Klitoris sehe es aus, das Rosenmuster auf dem Teppich am Eingang der Kantonsbibliothek. Sagt die St.Galler Musikerin und Künstlerin Juliette Rosset. Das Rosenmuster hat sie inspiriert; sie hat die angedeutete Klitoris auf Tücher genäht und auf Sticker gedruckt, als Teil ihres Beitrags zur Ausstellung «Bella Ciao», die heute eröffnet.

Ausstellung «Bella Ciao»

Am 12. November um 18.30 Uhr eröffnet in der Kantonsbibliothek Vadiana an der Notkerstrasse 22 in St.Gallen die Ausstellung «Bella Ciao». Gezeigt werden bis 13. Dezember Werke von Künstlern, denen der Kanton einen Aufenthalt in seiner Atelierwohnung in Rom finanziert hat. Michèle Breu und Philipp Krauer waren im Frühling 2018 dort, Klara und Ewald Frick haben den Lockdown im Frühling in Rom verbracht, und Juliette Rosset hätte im Sommer dort wohnen und arbeiten sollen. 

Als Künstlerin stellt die 31-Jährige ihre eigene Behauptung auf, wie das zweideutige Teppichmuster entstanden sein könnte: «Es war eine Frau, die das hinterlassen hat, ohne dafür Anerkennung zu bekommen.» So sei das oft, wenn man in die männerdominierte Geschichte blicke: «Wenn man Frauen finden will, muss man zwischen den Zeilen lesen.» Oder eben einen Teppich näher betrachten.

Tücher, Sticker, Videoinstallationen: Juliette Rosset arbeitet als Künstlerin mit verschiedenen Medien und Materialien.

Tücher, Sticker, Videoinstallationen: Juliette Rosset arbeitet als Künstlerin mit verschiedenen Medien und Materialien.

Bild: Arthur Gamsa

Diesen Sommer hätte Juliette Rosset in Rom verbringen sollen. Der Kanton St.Gallen hätte ihr einen dreimonatigen Aufenthalt in seiner Künstlerwohnung ermöglicht. Doch wegen Corona wird Rosset nun erst 2022 nach Rom reisen. Darauf anspielend, zeigt sie in der Kantonsbibliothek in einem Video, wie sie die Zeiger einer Uhr immer weiter vorwärts dreht. Diese Handlung habe utopisches Potenzial: «Wenn ich fertig gedreht habe, dann ist die Welt feministisch.»

Zuerst politisieren, dann drauflos dreschen

Rosset stammt aus einer St.Galler Musikerfamilie. Ihr Vater Michel spielt Oboe im Sinfonieorchester, ihre Mutter Monique ist Bratschistin, ihr Bruder Josquin Jazzpianist. Auch sie, die ausgebildete Künstlerin, versteht sich in erster Linie als Musikerin.

Sie spielt Bass in der fünfköpfigen Rockband Zayk, und sie hat soeben das Trio Grübel gegründet, ein «punkfeministisches Projekt», wie sie sagt. Feministisch deshalb, weil die drei Frauen am Anfang jeder Probe über politische Themen diskutieren und anschliessend darauf basierend Musik machen. Punk deshalb, weil sich das Trio unbekümmert ausprobiert. «Ich spiele dort absichtlich Instrumente, die ich nicht beherrsche», sagt Rosset. Dieses Ungelernte, Unfertige, Improvisierte interessiere sie, «da öffnen sich Räume».

Juliette Rosset im Ausstellungssaal der St.Galler Vadiana.

Juliette Rosset im Ausstellungssaal der St.Galler Vadiana.

Bild: Arthur Gamsa

Musikalisch habe sie sich vieles autodidaktisch beigebracht. Auch dies mit feministischer Absicht:

«Ich wollte die Musik nicht in Institutionen lernen, die männlich geprägt sind. Ich wollte einen eigenen Weg und meinen eigenen Platz finden.»

Anderen Frauen hilft Rosset ebenfalls, sich auszubreiten und Platz einzunehmen. Ganz praktisch tut sie dies im Kulturlokal Palace in St.Gallen: Rosset ist dort Mitglied des «teamfeminist9000» und organisiert Konzertabende von und mit Frauen. Oder genauer: mit Flint-Personen, also hetero- und homosexuellen Frauen sowie Inter-, Nichtbinären- und Transmenschen.

«Wir möchten den Zugang zur Welt rund ums Konzertveranstalten normalisieren», erklärt sie die Idee. «Auch als Frau soll es selbstverständlich sein, in einem Konzertsaal Kabel zu verlegen und das Mischpult zu bedienen.»