Die Kellerbühne blickt zurück

Bald feiert die Kellerbühne ihren 50. Geburtstag. Zum Jubiläum plant ihr Leiter Matthias Peter eine Ausstellung und ein Buch. Darin erzählt er zum ersten Mal die Geschichte des Theaters und beschreibt den Anfang der St. Galler Alternativkultur.

Roger Berhalter
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«Ich bin ein Archivmensch»: Matthias Peter blättert in den alten Gästebüchern der Kellerbühne. (Bild: Ralph Ribi)

«Ich bin ein Archivmensch»: Matthias Peter blättert in den alten Gästebüchern der Kellerbühne. (Bild: Ralph Ribi)

Matthias Peter zückt einen Ordner aus dem Regal. Es ist das älteste Gästebuch der Kellerbühne. «1965–1985», offensichtlich reichte das Buch für 20 Jahre. «Am Anfang nahm man es mit dem Dokumentieren noch nicht so genau», sagt Peter. Es gab anderes zu tun, schliesslich war die Kellerbühne 1965 die erste Kulturinstitution, die dem Theater, der Tonhalle und dem Puppentheater die Stirn bot. «Die Kellerbühne war der Anfang der Alternativkultur in St. Gallen», sagt Peter. Die Kabarett-Bühne an der St. Georgen-Strasse blieb fast 20 Jahre lang auch die einzige Alternative. Bis 1984 die Grabenhalle eröffnete.

Recherchen eines «Internen»

Matthias Peter schüttelt im Gespräch Jahreszahlen aus dem Ärmel, schlägt den Bogen von den ersten Cabarets in Paris über das St. Galler «Cabaret Schnodergoofe» bis hin zur Eröffnung des «Africana» in der Goliathgasse. Seit einem Jahr ist der Leiter der Kellerbühne daran, die Geschichte seines Theaters aufzuarbeiten, das im Februar 2015 sein 50jähriges Bestehen feiert. Pünktlich zum Jubiläum soll im September 2014 ein Buch erscheinen, dass die Entstehungsgeschichte erzählt und die Spielpläne der verschiedenen künstlerischen Leiter Revue passieren lässt, von Norbert Bischof (1965–67) bis Matthias Peter (seit 2004). Für sein Jubiläumsprojekt hat der Kellerbühnen-Chef einen Werkbeitrag der Stadt erhalten (siehe Kasten).

Dass er als «Interner» diese Geschichte erzählt, macht laut Matthias Peter Sinn, da er seit Jahren mit St. Gallen und der Kellerbühne verbunden sei. «Ein Externer würde einfach vor einem chaotischen Archiv stehen.» Auch er musste zuerst die Spielpläne der vergangenen 50 Jahre ergänzen, bis die ganze Chronik vor ihm lag. Er blätterte in Gästebüchern, las Vereinsprotokolle, stöberte in Zeitungen – und leistete damit Pionierarbeit: «Die Geschichte der Kellerbühne ist bis jetzt nicht sauber dokumentiert.»

Ein Sprungbrett für Clown Pic

Dabei hat das Kellertheater viel zu erzählen. Matthias Peter schwärmt vor allem von der frühen, avantgardistischen Zeit unter Fred Kurer (1968–1975), der Künstler wie Franz Hohler, Peter Wyssbrod, Hanns Dieter Hüsch und Georg Kreisler nach St. Gallen holte. Auch vielen Ostschweizern diente die Kellerbühne als Sprungbrett: Der Clown Pic, der Kabarettist Joachim Rittmeyer und die Tänzerin Erika Ackermann zeigten hier ihre ersten abendfüllenden Programme.

In seinem Buch wolle er zuerst den «Entstehungsmythos» der Kellerbühne erzählen, sagt Matthias Peter. Er stützt sich dabei so weit wie möglich auf schriftliche Quellen. «Ich bin ein Archivmensch. Ich wollte nicht mit Anekdoten und Erinnerungen arbeiten, die nach so langer Zeit wohl nicht mehr ganz stimmen.» Mit alten Quellen zu hantieren, ist sich der 51-Jährige gewohnt, hat er doch als Publizist schon mehrere historische Arbeiten veröffentlicht. «Ich bin zwar kein studierter, aber ein leidenschaftlicher Historiker», sagt Matthias Peter und lacht. Für «Jakob und Heinrich Senn – Zeitbilder der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert» zum Beispiel wertete er das zehnbändige Tagebuch zweier Brüder aus dem Zürcher Oberland aus. Er erzählte im Buch nicht (nur) eine Familiengeschichte, sondern zeigte anhand der Tagebücher auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz im 19. Jahrhundert auf. Auch sein Buch zum Thema «50 Jahre Kellerbühne St. Gallen» soll mehr als nur die Geschichte eines Theaters erzählen. Matthias Peter bettet die Kellerbühne auch in die städtische Kulturlandschaft der vergangenen Jahrzehnte ein.

Originale in Vitrinen

Zusammen mit der Buchpublikation im Appenzeller Verlag ist im November 2014 auch eine Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum geplant. Die Besucher sollen auf 200 Quadratmetern in die Vergangenheit der Kellerbühne eintauchen. Filme und Fotos sind zu sehen, Toneinspielungen zu hören, und in Vitrinen werden wertvolle Originale gezeigt. Es ist laut Matthias Peter kein schlechter Zeitpunkt, um zurückzuschauen: «Der Kellerbühne geht's, was die Zuschauerzahlen betrifft, so gut wie noch nie.»