Die Kamera als Medikament

An der Fotoausstellung Photo16 in Zürich stellen ab Freitag auch Ostschweizer aus. Obdachlose, Momentaufnahmen oder Fotografieren als Therapie: Drei Beispiele aus der Region, die die Motivvielfalt des Anlasses verdeutlichen.

Diana Bula
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Ein Gesicht, das eine Geschichte erzählt: Porträt eines Obdachlosen. (Bild: Roger Oberholzer)

Ein Gesicht, das eine Geschichte erzählt: Porträt eines Obdachlosen. (Bild: Roger Oberholzer)

Ein schöneres Geschenk hätte er sich nicht vorstellen können: Am 8. Dezember feierte Roger Oberholzer seinen 39. Geburtstag, am 8. Dezember ging per E-Mail die Zusage ein, dass er aus den rund 400 Bewerbern auserkoren ist und zu den 135 Ausstellern der Photo16 gehört. «Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, vor Freude, vor Aufregung», sagt Oberholzer.

Hauptberuflich arbeitet der Ausserrhoder für einen Druckmaschinenhersteller, bildet als Verfahrenstechniker Kunden auf der ganzen Welt in der Handhabung der Apparate aus. Iran, Ukraine, Amerika: In vielen Ländern war Oberholzer beruflich schon unterwegs. In den USA begann er auch mit seinem Fotoprojekt, von dem er nun einen Auszug an der grössten Werkschau für Schweizer Fotografie zeigen wird: «In Minneapolis fielen mir die vielen Obdachlosen auf. Ich habe mich schon immer für Schwächere interessiert, nicht aus Hochmut, sondern weil sie mich faszinieren. Ich konnte die Augen nicht mehr von diesen Menschen lassen», erzählt er. Irgendwann fragte Oberholzer einen Mann ohne Dach über dem Kopf, ob er ihn fotografieren dürfe. Der Mann sagte Ja. 1000 Menschen, die auf der Strasse leben, hat der Ausserrhoder seither porträtiert. «Ihre Gesichter sind gezeichnet vom Leben, sie erzählen eine Geschichte. Auch davon, wie dünn die Grenze zwischen Erfolg und Armut manchmal ist.» Wenn Oberholzer solche Dinge sagt, denkt er etwa an den Obdachlosen, der einst einen guten Job hatte, aber erkrankte – und nicht versichert war. «So schnell kann es gehen.»

«Von Panikattacken ablenken»

Nicht die Geschichte anderer, sondern seine eigene erzählen die Fotos von Michel Pretterklieber. Der St. Galler fotografiert, um sich «von Panikattacken abzulenken». Die Arbeit mit der Kamera sei eines seiner Medikamente gegen die vererbte Störung; diese ist so stark, dass der Multimediahändler seinem Beruf nicht mehr nachgehen kann. Zwar finden sich unter den Arbeiten des 33-Jährigen viele Selbstporträts. Mit den aktuellen Selfies haben sie aber wenig gemein. Sie wirken weder perfekt noch inszeniert, sondern düster, dunkel, beängstigend. All das, was Pretterklieber eigentlich loswerden will. Sogar das Meer sieht er anders als viele: Ein Bild zeigt ihn, darüber liegt ein Abbild eines Stücks Strand im südfranzösischen Cannes. Das Meer wirkt nicht vielversprechend und verheissungsvoll, es erscheint wie ein Brett vor dem Kopf. «Hier habe ich die Doppelbelichtung eingesetzt», erklärt Pretterklieber. Manchmal arbeitet er aber auf ganze andere Weise: Er knipst digital, fotografiert das entstandene Bild mit dem Handy vom Kamerabildschirm ab und verfremdet es mit Apps und Filtern. Eine einfache Methode, die dennoch nichtalltägliche, überraschende Ergebnisse hervorbringt.

Ein Junger im Moment

Unverbraucht geht auch der jüngste Aussteller der Photo16 ans Werk: Tino Nüesch, aus Horn, 16 Jahre alt. Die Kamera hat er von Mama, die fast 400 Franken für die Standmiete ebenso. Wichtig ist dem Jungfotografen «der Moment, weil er so echt ist». Ein Teil seiner Fotos, die ausgestellt sein werden, sind während eines Schüleraustausches in den USA entstanden. Zu sehen sind etwa schick gekleidete Jugendliche an einem Abschlussball. Nur das Wetter hat nicht mitgespielt: Es begann zu regnen, als Schutz gegen die Tropfen hielten sich die Feiernden deshalb Speisekarten über den Kopf.

Ein Ereignis wie gemacht für Nüesch; er drückte auf den Auslöser. «Man kann den Moment nicht konstruieren, man muss auf ihn warten, ihn erkennen. Das bedingt Geduld.» Eine Eigenschaft, die der Thurgauer zu besitzen scheint. Noch besucht er die Kunst- und Sportklasse an der Pädagogischen Maturitätsschule in Kreuzlingen. Die Freizeit, sie muss vorerst genügen für Streifzüge mit der Kamera. Mehr kommt später. Irgendwann.

Selbstporträts als Therapie: Michel Pretterklieber in Cannes. (Bild: Michel Pretterklieber)

Selbstporträts als Therapie: Michel Pretterklieber in Cannes. (Bild: Michel Pretterklieber)