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Die Jungen wollen alle weg

Mit «Raving Iran», einer Dokumentation über zwei iranische DJs, hat Susanne Meures eine einzigartige Innenansicht aus Iran und eine beeindruckende Reflexion über Fluchtursachen geschaffen.
Geri Krebs
Abseits der iranischen Gesellschaft: Szene aus dem Dokumentarfilm «Raving Iran». (Bild: Frenetic)

Abseits der iranischen Gesellschaft: Szene aus dem Dokumentarfilm «Raving Iran». (Bild: Frenetic)

«Sightseeing and shopping», das sei jeweils ihre Antwort gewesen, wenn sie von iranischen Zollbeamten bei der Einreise nach dem Grund ihrer Reise gefragt wurde. Fünfmal ist Susanne Meures in einem Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr in den Iran gereist, jedes Mal erlebte sie am Flughafen Teheran das gleiche Szenario. Für die Dreharbeiten von «Raving Iran» ist die 39jährige deutsche Regisseurin hohe persönliche Risiken eingegangen. Denn selbstverständlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, in einem der repressivsten Länder der Welt eine Drehgenehmigung für einen Film zu bekommen: für einen Film, der eine jugendliche Subkultur und ihre Musik porträtiert, die vom Regime als «satanisch» gebrandmarkt wird.

So drehte Susanne Meures grosse Teile mit versteckter Kamera. Die in der Schweiz lebende Regisseurin, die als ausgebildete Fotografin einige Ahnung von Kameras hat, benutzte in Iran im öffentlichen Raum eine Fotokamera, die sie wie eine Touristin aussehen liess. Für heikle Szenen kam ein in ihre Kleidung eingenähtes iPhone mit spezieller App zum Einsatz.

Je schwieriger, umso hartnäckiger

Von ihren beiden Protagonisten, dem 26jährigen Arash und dem 28jährigen Anoosh, habe sie den Spitznamen «James Blond» erhalten. Natürlich sei ihr jeweils fast das Herz still gestanden, wenn sie mit den beiden DJs im Auto sass und sie an einer Strassensperre in eine Polizeikontrolle kamen, sagt Meures. Und betont, dass es aber in ihrer Natur liege: «Je schwieriger es wird, umso mehr will ich es.» Und wie gingen Arash und Anoosh mit Susanne Meures eisernem Willen um, den Film unbedingt realisieren zu wollen? Jetzt lacht sie laut: «Spätestens jeden vierten Tag brachen sie den Dreh ab, sagten mir, es wird ihnen zu riskant, sie würden aus dem Filmprojekt aussteigen.» Aber irgendwie hätten sie doch so viel Vertrauen in sie gefasst, dass sie doch wieder den Kontakt zu ihr suchten, schildert die Regisseurin das bisweilen ambivalente Verhalten der beiden DJs, die heute als anerkannte Flüchtlinge in Zürich leben.

Arash und Anoosh seien nur zwei typische Beispiele von jungen Leuten, die den Traum von einem besseren Leben anderswo geträumt hätten. Denn unter all den jungen Leuten, die sie im Iran kennengelernt habe, sei der Traum von einem Leben im Ausland omnipräsent, sagt Susanne Meures.

Man dürfe ihre eigene Einschätzung über die künftige Entwicklung des Iran ruhig pessimistisch nennen, gibt die Regisseurin zu verstehen, fügt aber hinzu: «Ich bin keine Iran-Expertin, ich habe nur einen kleinen Teil der Gesellschaft unter die Lupe genommen.» Sie habe einen Dokumentarfilm gemacht über zwei junge Männer, die sich in einer Diktatur in einer Subkultur bewegten.

Irgendwie die Familie durchbringen

Dabei sei das Gefährlichste in dieser Diktatur die Willkür. Und natürlich sei das System äusserst korrupt. Sie nennt als Beispiel die zahlreichen Privat-Parties, die sie miterlebt hat, bei denen fast immer die Polizei aufkreuzte. Den weiteren Verlauf solcher Aktionen von Ordnungskräften der islamischen Republik beschreibt Susanne Meures so: «Die Party-Verantwortlichen drückten den Polizisten ein paar Geldscheine in die Hand und die Sache war erledigt.» Auch unter den Polizisten gebe es sicher nicht wenige, die anzweifeln, was die Herrscher in der islamischen Republik ihren Untertanen vorschreiben. Und sie weist darauf hin, dass die schlecht bezahlten Ordnungshüter meist einzig daran interessiert seien, irgendwie ihre Familien durchzubringen.

Aber niemand solle sich Illusionen darüber machen, dass immer alles so harmlos ablaufe. «Ich habe bei der Realisierung meines Films immer sehr viel Glück gehabt», betont Susanne Meures. Sie erzählt, wie sie nach der umjubelten Weltpremiere von «Raving Iran» vergangenen April am Filmfestival Vision du réel Nyon eine Begegnung der eher unheimlichen Art hatte. Mit einer Interviewerin, die ihr so seltsam erschien, dass sie es vorzog, das Gespräch abzubrechen. «Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Dame mit der iranischen Botschaft in Verbindung stand, es war mir klar, dass ich nun auf ihrem Radar bin». Fast überflüssig zu erwähnen, dass Susanne Meures nicht mehr in den Iran reisen kann.

Ab Do im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region folgen

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