Die iPad-Kindheit vs. Baumhaus

Versunken in den grossen Kissen und den Blick starr auf den kleinen Bildschirm gerichtet, sass mein fünfjähriger Cousin letzte Woche bei mir zu Hause auf dem Sofa. Ansprechbar sieht anders aus.

Anna Dieckmann
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Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Anna Dieckmann)

Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Anna Dieckmann)

Versunken in den grossen Kissen und den Blick starr auf den kleinen Bildschirm gerichtet, sass mein fünfjähriger Cousin letzte Woche bei mir zu Hause auf dem Sofa. Ansprechbar sieht anders aus. Meine eigene Kindheit verbrachte ich mehrheitlich mit den zwei Dutzend Kindern aus dem Quartier draussen. Wenn es regnete, verkrochen wir uns ins Baumhaus. Wenn es schneite, bauten wir Iglus und lieferten uns Schneeballschlachten.

Mein Blick richtete sich wieder auf meinen jungen Verwandten. «Und, wie gefällt es dir im Kindergarten?» «Gut», antwortete er. Ein schwacher Versuch. Ohne den Blick zu heben, da er gerade einen Traktor über ein Feld lotsen musste, fragte er: «Wann gibt es Essen?» Obwohl meine Tante es bestimmt schätzt, den Sohnemann gelegentlich ruhigstellen zu können mit den Geräten, haben die Spiele auch etwas Isolierendes, dachte ich mir. In meiner Kindheit – man muss betonen: sie ist noch nicht einmal so lange her – waren Beziehungen nur in direktem Kontakt mit anderen Menschen möglich. Für meinen Cousin jedoch bietet sich auch die Möglichkeit, sich mit virtuellen Freunden zu vernetzen. Laut Experten bringt diese Art der Interaktion aber nicht dieselbe Befriedigung wie ein reales Treffen mit Freunden. Dass das Handy zum digitalen Spielplatz umfunktioniert worden ist, beweist auch eine Umfrage von SRF 3 in Bern. Laut dieser ist es für Schüler völlig normal, 200 WhatsApp-Nachrichten in 30 Gruppenchats pro Tag zu erhalten. Da waren die Abenteuer im Baumhaus um einiges gemütlicher.