Die Idyllen-Rhetorik hinterfragt

Der Frauenfelder Beat Oswald ist freischaffender Filmemacher seit 2009. Jetzt stellt er «Volksfest» vor, einen Essay über die Heimat.

Dieter Langhart
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Sie haben unseren Interviewtermin kurzfristig verschieben müssen wegen eines Filmdrehs.

Beat Oswald: Ich arbeite am Hauptbahnhof Zürich an einem Auftragsfilm für eine Agentur, bei der ich Fuss fassen möchte. Und Geld verdienen für meine freien Filmprojekte.

Sie haben nach dem Lehrerseminar Publizistik und Ethnologie studiert. Warum jetzt Film?

Oswald: Der Filmemacher Humbi Entress und ich sind Sandkastenfreunde. Ich habe für seine MMPFilms gearbeitet und durfte bei seinem Film «Weisser Horizont» über Robert Perronis letzte Reise nach Grönland Filmluft schnuppern. Humbi hat mir gezeigt, wie spannend dokumentarisches Arbeiten ist.

«Volksfest» ist kein Auftragsfilm?

Oswald: Nein. Die Idee dazu gab mir Peter von Matts Buch «Das Kalb vor der Gotthardpost». Faszinierend, wie er die Geschichte des Mythos Schweiz herleitet. Ich habe die «gesprengte Idylle», die von Matt unter anderem mit Gottfried Keller herleitet, als Dramaturgie für meinen Essayfilm übernommen.

Auch Sie legen Zitate über die Bilder.

Oswald: Max Frisch kommt zweimal vor, die Bundesräte Philipp Etter und Kurt Furgler. Christoph Blocher bewusst nicht.

Ihr Film beginnt mit Trachten, Treicheln und Ueli Maurers Rede über Wurzeln, Werte, Weitsicht, dann tauchen Störungen auf, verpixelte Bilder.

Oswald: Maurer war eine Steilvorlage, ich wollte die beschworene Idylle bewusst brechen.

Sie arbeiten mit modernen filmischen Mitteln. Wie reagiert Ihre Generation auf den Film?

Oswald: Sie hat nicht das gleiche politische Bewusstsein wie unsere Eltern.

Und Sie?

Oswald: (zögert) Das Parteipolitische stösst mich ab. Ich war sensibilisiert, mein Vater war Grossrat für die FDP. Ich wollte einmal in die Politik, fürchtete aber, mein Idealismus könnte zerstört werden. Aber Platons Frage, wie organisieren wir die Gesellschaft, interessiert mich. Auch Ethnologie ist letztlich politisch.

Sie haben auch zwei Filme über das Pullup Orchestra gedreht…

Oswald: Bandgründer Philipp Labhart war mit mir am Semi, und ich habe lange in einer Metal-Core Band gesungen, deshalb habe ich mich am Anfang auf Filme im Zusammenhang mit Musik konzentriert.

…und mit Ihrem jüngsten Projekt springen Sie ans Lebensende.

Oswald: In einer Woche fliege ich nach Florida und besuche mehrere Continuing Care Retirement Centers. Auch mein nächster Film – wahrscheinlich heisst er «A Sunshine State of Mind» und handelt von der Pensionierung und vom Erlebnis des Alterns – soll wieder essayistisch-experimentell werden.

Denken Sie schon ans Alter?

Oswald: (lacht) Ich habe zwei kleine Kinder und kann mich nicht mit einem Lebensentwurf identifizieren, der strikte zwischen Erwerbstätigkeit und Altersfreizeit trennt.

www.conobs.ch

Szenen aus Peter Oswalds Filmessay «Volksfest» zum Eidg. Schwing- und Älplerfest 2013 in Burgdorf. (Bilder: pd)

Szenen aus Peter Oswalds Filmessay «Volksfest» zum Eidg. Schwing- und Älplerfest 2013 in Burgdorf. (Bilder: pd)

Beat Oswald Ethnologe und Filmemacher, 32, Frauenfeld (Bild: Juan Eduardo Prandini)

Beat Oswald Ethnologe und Filmemacher, 32, Frauenfeld (Bild: Juan Eduardo Prandini)