Die Idee der Polis

In der Kunstzone der Lokremise ist die Ausstellung «Nenn mich nicht Stadt» zu sehen. Die versammelten künstlerischen Positionen beschäftigen sich ganz unterschiedlich mit dem Thema. Ein «Stadtspaziergang» der besonderen Art.

Brigitte Schmid-Gugler
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Franz Ackermanns farbkräftige Malerei hinter Katalin Deérs Fotoarbeit und neben Beat Streulis Collage im Kunstraum der Lokremise. (Bild: Luca Linder)

Franz Ackermanns farbkräftige Malerei hinter Katalin Deérs Fotoarbeit und neben Beat Streulis Collage im Kunstraum der Lokremise. (Bild: Luca Linder)

Auf alten Friedhöfen sieht man gelegentlich noch Grabtafeln, in die das Bild der oder des Verstorbenen direkt in den Stein eingelassen ist. Die Künstlerin Katalin Deér nimmt uns gleich hinter dem Tresen mit in Beton gegossenen Bildern des urbanen St. Gallens in Empfang. Und obwohl sie ihre Arbeit zweifellos lange vor dem Entscheid für die massive Streichung der Unterstützungsgelder an die Stiftung Lokremise geplant hat, kommt einem der Gedanke hoch, es könnte ein beinahe schon ahnungsvolles «Grabmal» für eine nahende Entwicklung sein.

Denn mit den eingeläuteten Sparmassnahmen der Regierung dürfte es die Kunstzone in dieser Form (zwei Ausstellungen pro Jahr) bald nicht mehr geben – genauso wie die Umgebung der Lokremise unaufhaltsam städtebaulichen Veränderungen unterworfen ist. Katalin Deér hat schwarzweisse Fotografien dieser «Nachbarschaft» direkt auf dem Boden der Halle in Betonplatten gegossen. Die Umrisse der Bilder haben Spuren hinterlassen; die Oberflächen der Platten weisen jene unregelmässige Struktur auf, welche der für den Guss ausgewählte Platz am Boden hat.

Eine Übertragung und Gegenübertragung – ein Spiegeln und Gegenspiegeln in und aus dem Raum, wo Stadt stattfindet: Ein Blick aus den hohen Fenstern genügt, um schon innerhalb dieses Ausschnitts die massiven Veränderungen festzustellen. Gegenüber, wo früher eine alte Häuserzeile stand, wird gerade ein neues Gebäude hochgezogen; der Lärm der Baumaschinen vermischt sich mit den Geräuschen aus der hinteren Ecke – Norbert Möslangs Audioarbeit aus dem Jahr 2010 – also aus dem Jahr der Eröffnung der Lokremise. Es ist eine Tonspur seines eigenen Ganges von der Wohnungstüre durch die Strassen und Gassen der Stadt bis zum Eingang der Lokremise und wieder zurück.

Idealer Ausstellungsort

Nur drei Jahre später haben sich ganze Quartiere in dieser Stadt neu definiert; neue Durchgänge sind entstanden, der eigene Schritt verhallt an neuen Fassaden, verlangsamt sich an neu entstandenen Plätzen, beschleunigt an einem neuen Verkehrsknotenpunkt. Auch ohne Tonspur funktioniert dieser Reflex in der riesigen Wandarbeit von Beat Streuli, der in unterschiedlichen Schärfen den Puls städtischer Dynamik fotografiert und die Bilder als Collage zusammensetzt.

Kein anderer Ort als dieser am westlichen Stadtportal gelegene würde sich besser eignen, um künstlerische Positionen rund um das Wahrnehmen von «Stadt» in den Raum – und im Fall von Manfred Pernice – auch in den Aussenraum zu stellen. Was sind Stadträume? Was ist (städtischer) Albtraum? Wie funktionieren und kommunizieren Menschen innerhalb dieser komplexen Syntax?

Mal sperrig, mal humorvoll

Ein grosser Teil der 15 eingeladenen Künstlerinnen und Künstler haben ihre Arbeiten vor Ort für den Ort geschaffen; andere präsentieren bereits bestehende Werke, wie etwa die Deutsche Silke Schatz mit ihren zwei grossformatigen Zeichnungen – linear verlaufende Raster, eine architektonische Struktur mit unterschiedlichen Tiefen – perfekt getarnte Verstecke in der wuchernden Anonymität von Städten? Eine Machtzentrale vielleicht, was angesichts von Silke Schatz' langjähriger Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit ihres Vaters nicht auszuschliessen ist.

Einige der Positionen spielen mit der Irritation, andere sind sperrig, erschliessen sich einem nur über eine ausführliche Erklärung. Wieder anderen kann man lächelnd und einsichtig folgen: Der Brite Jonathan Monk hat am Sunset Strip immer genau dort fotografiert, wo sonst keiner hinschaut – auf Strassenabzweigungen, auf Häuserlücken, auf Unfertiges, Provisorisches und gerade deshalb auf Authentisches.

Weltbürgertum im Kleinen

Ist die Folge von Verdichtung Einsamkeit? Rückzug? Der innere Kerker? (Rita McBride).

Oder ist es eruptive Lebenslust? Franz Ackermann, dessen Gemälde aus dem Jahr 2003 der Ausstellung den Namen gibt, breitet das ganze Spannungsfeld urbaner Denkprozesse farblich und installativ aus, und es ist, als spräche die Buchautorin Katja Kullmann die Bildlegende. Sie sagte einmal, dass sich die Menschen eine Stadt in Europa möglichst abwechslungsreich und aufgeschlossen vorstellen – «als Ort, der ein Weltbürgertum im Kleinen» ermögliche. Ein Ort, der «Stadt» benennt?

Bis 10. November, Lokremise