Die Hüter des Max-Bill-Hauses

Er gilt als einer der erfolgreichsten Bauhaus-Schüler: der Schweizer Künstler, Architekt und Designer Max Bill. Seine Witwe und ihr zweiter Mann leben im Haus, das Bill 1968 in Zumikon baute. Sein Erbe zu bewahren, ist zu ihrer Lebensaufgabe geworden.

Julia Nehmiz
Drucken
Teilen
Angela Thomas und Erich Schmid wohnen im Max-Bill-Haus in Zumikon. Die Ulmer Hocker, auf denen sie stehen, sind Design-Klassiker, Max Bill hat sie für die Hochschule für Gestaltung Ulm entworfen. (Bild: Hanspeter Schiess (Zumikon, 23. Januar 2019))

Angela Thomas und Erich Schmid wohnen im Max-Bill-Haus in Zumikon. Die Ulmer Hocker, auf denen sie stehen, sind Design-Klassiker, Max Bill hat sie für die Hochschule für Gestaltung Ulm entworfen. (Bild: Hanspeter Schiess (Zumikon, 23. Januar 2019))

Eine glatte Wand aus schmutzigweissen Eternitplatten, in ihr drei Garagentore, eine Tür mit Überwachungskamera. Irgendwie hatte man sich das Haus eines Bauhaus-Stars spektakulärer vorgestellt. Doch dann stehen da noch zwei riesige Granitskulpturen in der Einfahrt, die keinen Zweifel lassen: Hier ist das Haus von Max Bill.

Die ikonischen übergrossen Halbkugeln weisen den Weg zur Klingel. Es dauert, bis die Tür geöffnet wird – ­später sieht man, warum: Das Flachdach-Haus, das von der Einfahrt aus so unscheinbar ausschaut, ist unglaublich gross.

Angela Thomas, Max Bills zweite Ehefrau, bittet herein. Sie und ihr zweiter Mann, Filmemacher Erich Schmid, sind es gewohnt, Besuch zu empfangen. Oft führen sie Fremde durch das Max-Bill-Haus in Zumikon, zeigen das Werk des berühmten Künstlers; Wohnzimmer, Küche, Arbeitsräume, Gästezimmer, Garten, Terrassen, sogar ihr Schlafzimmer darf man besichtigen.

Früher das Arbeitszimmer von Max Bill, heute von Angela Thomas und Erich Schmid. An den Wänden Werke von Max Bill. Die Treppe führt hinunter in Bills ehemaliges Atelier. (Bild: Hanspeter Schiess/Zumikon, 23.Januar 2019)

Früher das Arbeitszimmer von Max Bill, heute von Angela Thomas und Erich Schmid. An den Wänden Werke von Max Bill. Die Treppe führt hinunter in Bills ehemaliges Atelier. (Bild: Hanspeter Schiess/Zumikon, 23.Januar 2019)

In vielen Räumen auf rund 1500 Quadratmetern gibt es Kunstwerke von Max Bill und vielen zeitgenössischen Kunstschaffenden zu sehen. Auch im knapp drei Hektar grossen Garten stehen Kunstwerke. Seine Witwe führt seine Sammlung weiter.

Vom Eisenbahnersohn zum Nobelpreis der Kunst

Max Bill, einer der berühmtesten Bauhaus-Schüler, obwohl er nur 1927 bis 1928 in Dessau studierte. Er wurde 1908 als Sohn eines Eisenbahners in Winterthur geboren, besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete als Künstler, Architekt, Designer, Publizist, Schriftgestalter, wurde in den Nationalrat gewählt, begründete die konkrete Kunst, stellte vielfach und weltweit aus, erhielt u. a. den «Nobelpreis» der Kunst. Er war Mitgründer und erster Rektor der ­ Hochschule für Gestaltung Ulm, die als Nachfolgerin des Bauhaus Dessau galt.

«Das Haus wurde von einer öffentlichen Figur erbaut, es hat naturgemäss einen öffentlichen Charakter»,sagt Erich Schmid. Und das Haus kostet: 200'000 Franken verschlingen Betriebskosten und Unterhalt der Sammlung pro Jahr. Um die Kosten zu decken, müssen sie ab und an Kunst verkaufen.

Nein, sie fühle sich nicht, als wohne sie in einem ­Museum, sagt Kunsthistorikerin Angela Thomas. Die hohen, hellen Räume strahlen eine Klarheit aus, für Besucher gibt es viel zu entdecken. Im Haus habe man ein sehr gutes Raumgefühl. «Die Architektur stört nicht», sagt sie, und das ist natürlich ein Scherz, und ein Zitat aus dem Film ihres zweiten Mannes Erich Schmid über ihren ersten Mann Max Bill.

Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Angela Thomas lernte Max Bill 1974 kennen. Sie jobbte als Studentin in einer Kunstgalerie in Zürich, ass dort mit einer Freundin Kuchen, als Max Bill zwei Skulpturen abholen wollte, die er gekauft hatte. Sie war 25, er 65. Mehr mag Angela Thomas nicht über das Kennenlernen erzählen.

Zwei Erben, zwei Stiftungen

Max Bill war verheiratet, Vater eines Sohnes, führte parallel mit Angela Thomas eine Beziehung. «Wahrscheinlich hat er noch mehr Affären gehabt», sagt die heute 70-Jährige trocken. Man hat den Eindruck, sie will den Künstler Bill hochhalten und nicht ihr Privat­leben.

Angela Thomas und Erich Schmid vor einem Gemälde von Max Bill. (Bild: Hanspeter Schiess/Zumikon, 23.Januar 2019)

Angela Thomas und Erich Schmid vor einem Gemälde von Max Bill. (Bild: Hanspeter Schiess/Zumikon, 23.Januar 2019)

Deswegen hat sie eine Stiftung gegründet, deswegen führen sie und Erich Schmid durch das Haus Bill. Deswegen kuratiert sie Ausstellungen, schreibt ­Bücher. Angela Thomas und Max Bill waren 20 Jahre zusammen, sie heirateten 1991. Als Bill 1994 starb, erbte sie die Hälfte seines Nachlasses.

Die andere Hälfte ging an Bills Sohn Jakob Bill. Auch er gründete eine Stiftung. «Gemessen am Bekanntheitsgrad ging die Erbschaft gut über die Bühne», sagt Schmid. Anfangs wurden noch gemeinsam Ausstellungen organisiert. Doch seit einiger Zeit gibt es keine Kommunikation mehr mit Jakob Bill.

«Seine Kunst hat was zu geben»

Angela Thomas und Erich Schmid sind froh, dass sie jetzt eine Lösung für den Nachlass von Bill gefunden haben, den sie als seine Witwe erbte. Zehn ­Jahre hätten sie sich darum bemüht. «Wir sind nicht mehr die Jüngsten», sagt ­Thomas. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die international renommierte ­Galerie Hauser & Wirth den Nachlass vertreten wird.

Im Wohnzimmer des Bill-Hauses in Zumikon. Nach Bills Tod richtete Angela Thomas das Haus neu ein. Das Gemälde an der Wand ist ein Werk von Max Bill. (Bild: Hanspeter Schiess/Zumikon, 23.Januar 2019)

Im Wohnzimmer des Bill-Hauses in Zumikon. Nach Bills Tod richtete Angela Thomas das Haus neu ein. Das Gemälde an der Wand ist ein Werk von Max Bill. (Bild: Hanspeter Schiess/Zumikon, 23.Januar 2019)

Die Museen hätten ­ kein Interesse gehabt, sagt Schmid. Das erstaunt – und ist kompliziert: Beim Zürcher Museum Haus Konstruktiv heisst es, man habe grosses Interesse und viel versucht, Werke von Max Bill in die Sammlung zu bekommen. Das sei leider nicht zustande gekommen.

Doch egal, wo und wie der Nachlass verwaltet wird: Bills Werke sollen ­rezipiert werden, wünscht sich Angela Thomas für die Zukunft. «Seine Kunst hat was zu geben.»

Im Haus Bill in Zumikon ist die Bill-Vantongerloo-Stiftung beheimatet. Angela Thomas hat eine Biografie über den Künstler und Privatmenschen Max Bill geschrieben: Mit Subversivem Glanz; Scheidegger & Spiess; 576 S.; Fr. 60.-

Meistergattinnen und «Bauhausmädels»

Viele am Bauhaus ausgebildete Fotografinnen, Textil- und Metallgestalterinnen revolutionierten das internationale Industriedesign. Sie wollten die «Kathedrale für den neuen Menschen» mitgestalten – doch wurden sie verdrängt und vergessen.
Bettina Kugler