Die hippe Folklore und die harte Realität

#Unspunnen

Johannes Wey
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Nicht nur die Schwinger tragen Edelweisshemd, auch die Hipster tun es ihnen gleich. (Symbolbild) (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Nicht nur die Schwinger tragen Edelweisshemd, auch die Hipster tun es ihnen gleich. (Symbolbild) (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Sie tragen Sneakers zum Edelweisshemd. Die Skinny-Jeans fixiert ein Chüeligurt. Und am Unspunnenfest bringen sie mit ihren Smartphones den gleichlautenden Hashtag zum Trenden.

Sie sind Hipster. Für alle, die das Wort nicht kennen: Sie sind der Mode voraus und wühlen dafür in der Vergangenheit. Brauchtum ist «in» bei jungen Städtern. So authentisch, so ursprünglich, so echt! Der Stumpenraucher, der schon keinen Schwinget verpasste, bevor er cool war, schüttelt darob nur den Kopf.

Sie besuchen das Lauberhorn-Rennen, den Schwägalp-Schwinget oder eben das Unspunnenfest. Sie trinken Kafi Lutz, essen ein Plättli und bestaunen die Fahnenschwinger. Sie schauen den echten Kerlen im Sägemehl zu. Und fachsimpeln über Rekorde mit dem Unspunnenstein.

Auch abseits der eventisierten Landfeste sind sie angefressen von Brauchtum und Älplerleben. Sie übernehmen Patenschaften für Kühe und übernachten im Stroh. Sie buchen mit ihren Freunden einen Alphorn-Workshop. Sie gehen wandern und teilen die Bergpanoramen auf Instagram mit der ganzen Welt. #wanderlust. Wie glücklich sie sind, zeigt ein Selfie der verschwitzten Gesichter vor malerischem Dorfbrunnen.

Dann blicken sie ungläubig auf die Fahrplan-App. Keine S-Bahn im 5-Minuten-Takt. So gehen sie halt in den «Ochsen». Das Landliebe-Erlebnis verlängern. So echt! Die Stammgäste verstummen und starren die Auswärtigen neugierig an. Nach 22 Uhr gibt es keine warme Küche mehr. Und keine schicken Plättli. Nur Schwartenmagen. So ursprünglich! Aber ohne Grund sind die Ursprünge in der Stadt wohl nicht vergessengegangen, sinnieren sie. Am Stammtisch haben sie in der Zwischenzeit wieder zu reden begonnen. Über Politik. Die jungen Städter erschrecken ein bisschen. So authentisch!

Eine Bahn kommt jetzt keine mehr. Laut App ist das Postauto überfällig. Die Serviertochter guckt spöttisch. Um diese Zeit muss man den Publi-Car rufen. Das Gelächter vom Stammtisch wird immer lauter. Die Städter sind unangenehm berührt: Der Witz war politisch nicht korrekt.

Der Publi-Car bringt sie zum nächsten Bahnhof. Mit dem Intercity geht’s nach Hause. Sie verabreden sich schon für das nächste Wochenende. Aber bloss nicht wieder aufs Land. Am Streetfood-Festival warten Trends. Der Pulled-Pork-Burger dort ist zwar nicht authentisch. Kosten tut er 18 Stutz. Aber immerhin ist er bio. Und dazu gibt’s einen eiskalten Club Maté. #foodporn.

Johannes Wey