Die Herdernerin Rahel Kraft empfiehlt in ihrem Künstlerinnenbuch: «Vergiss, wie man mit einem Buch umgeht. Experimentiere»

In der von der Thurgauer Kulturstiftung herausgegebenen Publikation der Reihe «Facetten» regt die Performerin und Komponistin dazu an, Bücher zum Klingen zu bringen. Zum Beispiel mit einem Brieföffner.

Christina Genova
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Die 35-jährige Komponistin und Soundkünstlerin Rahel Kraft ist in Herdern und Mammern aufgewachsen.

Die 35-jährige Komponistin und Soundkünstlerin Rahel Kraft ist in Herdern und Mammern aufgewachsen.

(Bild: PD)

Rahel Kraft gibt im Vorwort ihres Künstlerinnenbuchs ihren Leserinnen und Lesern einen guten Rat: «Vergiss, wie man mit einem Buch umgeht. Experimentiere.» Tatsächlich ist Überforderung das Erste, was sich beim Durchblättern der Publikation der 35-jährigen Komponistin und Soundkünstlerin einstellt. Da ist eine grosse Leere, wenig Text mit viel Weissraum.

Das Buch, das in der Reihe «Facetten» der Thurgauer Kulturstiftung beim St.Galler Verlag Jungle Books erschienen ist, sperrt sich dagegen, schnell konsumiert zu werden. Es erschliesst sich erst nach und nach. Dessen mysteriöser Titel «Paradoxical Creatures» spielt darauf an, dass Klänge zwar existieren, aber wenig fassbar sind: «Sound ist unsichtbar, findet im Zwischenraum, im Unterbewusstsein statt», sagt die Künstlerin am Telefon. Oft seien Klänge wie flüchtige Federn: Sie verschwänden, sobald wir versuchten, sie einzufangen.

Viel Weisseraum, wenig Text: Eine Doppelseite aus der Facetten-Publikation, die von Rahel Kraft konzipiert wurde.

Viel Weisseraum, wenig Text: Eine Doppelseite aus der Facetten-Publikation, die von Rahel Kraft konzipiert wurde.

(Bild: PD)

Ein Brieföffner ist das unverzichtbare Instrument, um Zugang zu diesem Buch zu finden, denn es verfügt über eine japanische Bindung. Wenn man die noch geschlossenen, perforierten Seiten mit dem Brieföffner voneinander trennt, erzeugt man einen ersten Klang, es ratscht wunderbar. Zum Vorschein kommt ein Essay David Toops, Professor für Audiokultur und Improvisation an der University of the Arts in London. Aber auch grafische Kompositionen und Masken verstecken sich zwischen den Seiten.

27 Handlungsanweisungen, kleine Do-it-yourself-Performances für den Hausgebrauch, stecken in Rahel Krafts Künstlerinnenbuch.

27 Handlungsanweisungen, kleine Do-it-yourself-Performances für den Hausgebrauch, stecken in Rahel Krafts Künstlerinnenbuch.

(Bild: PD)

Was es damit auf sich hat, erklärt die in Herdern und Mammern aufgewachsene Künstlerin. «Maskieren» sei ein Fachwort in der Akustik. Damit gemeint sei das Ausblenden von störenden Nebengeräuschen, um sich beim Hören auf das Wesentliche zu konzentrieren. Kraft, die in London Sound Arts studiert hat, ist eine Klangforscherin. Wie klingt ein Buch? Wie kann ich es als Instrument nutzen? Diese zwei Fragen hätten sie bei der Arbeit am Buch begleitet. Es geht darum, dem Buch ganz konkret Klänge zu entlocken, aber auch zu ergründen, wie man es für eine Performance nutzen kann.

Performances für den Hausgebrauch

Rahel Kraft kombiniert bei ihren Performances Sound, Text und Projektionen.

Rahel Kraft kombiniert bei ihren Performances Sound, Text und Projektionen.

(Bild: Klaus

Vier Papiersorten hat Kraft für ihr Buch verwendet, die sich nicht nur in ihren Klängen, sondern auch in ihrer Haptik unterscheiden: Der Einband knistert, wenn man darüberstreicht und ihn auseinanderfaltet. Das feste Papier, das zwischen die leichten Seiten eingebunden ist, klingt beim Blättern anders und erzeugt einen Rhythmus. Das eingelegte Japanpapier raschelt zart. Kraft interessiert sich aber auch für innere Klänge. Was hören wir zum Beispiel, wenn wir still für uns lesen? Sie lädt mit ihrem Buch ein, nach solch besonderen Klängen zu suchen.

Rahel Kraft: Paradoxical Creatures. Jungle Books, 482 S., Fr. 32.–

Rahel Kraft: Paradoxical Creatures. Jungle Books, 482 S., Fr. 32.–

(Bild: PD)

Leider nur in englischer Sprache sind in der Publikation 27 Handlungsanweisungen enthalten – kleine Do-it-yourself-Performances für den Hausgebrauch. «Listen to an empty page», lautet eine davon – hör einer leeren Seite zu. «Crumble a sheet of paper» – zerknülle ein Blatt Papier – ist die wohl einfachere Aufgabe. Diesbezüglich gibt es von Rahel Kraft einen weiteren guten Rat: «Lass dir Zeit. Vielleicht fünf oder zehn oder dreiunddreissig oder zehntausend Jahre.»

Schön, schöner, am schönsten

Sie sind ihrer neunzehn: die «Schönsten Schweizer Bücher 2018» – drei davon stammen aus der Ostschweiz. Ausgewählt hat die Bücher das ­Bundesamt für Kultur wie jedes Jahr.
Dieter Langhart